Wirtschaftskrimi um US-Anwalt Martin Greebel

Rechtsanwalt Evan Greebel soll den Hedge-Fonds-Manager und Pharmainvestor Shkreli bei dessen kriminellen Machenschaften unterstützt haben.

Rechtsanwalt Evan Greebel soll den Hedge-Fonds-Manager und Pharmainvestor Shkreli bei dessen kriminellen Machenschaften unterstützt haben.

In den USA erregt seit Monaten ein Strafverfahren das Interesse Wall Street und die Aufmerksamkeit der Wirtschaftskanzleien. Angeklagt sind der unpopuläre Hedge-Fonds-Manager und Pharmainvestor Martin Shkreli sowie der US-Rechtsanwalt Evan Greebel. Letzterer soll Shkreli beim Entwerfen von fingierten Verträgen geholfen haben, damit dieser Unternehmensgelder verschwinden lassen konnte. Der Wirtschaftskrimi gleicht einem schweren Erdbeben für die Rechtsanwälte der Wall Street. Er hinterlässt bei Beobachtern aus der Kanzleiszene ein mulmiges Gefühl. Der Prozess ist aber auch für deutsche Wirtschaftsanwälte zugleich Lehrstück und Mahnung.

Angeklagter Nr. 1: der verhasste Investor Martin Shkreli

Martin Shkreli ist als “Pharma Bro” bekannt, Hedge-Fonds-Manager und eine der unbeliebtesten Personen der USA. Er erlangte zweifelhafte Berühmtheit, indem er sich die Rechte an einem Jahrzehnte alten und lebensrettenden Arzneimittel sicherte und danach den Preis um das 50ig-fache erhöhte. So wurde er er eine Art Staatsfeind Nr. 1 der sozialen Meiden und Presse.

Täuschung von Investoren

Er ist nun wegen securities fraud (”Wertpapierbetrug”) und conspiracy (”Verschwörung”) angeklagt. Der Fondsmanager soll Anleger in einen Hedge Fonds, den er verwaltete, getäuscht und um ihr Geld gebracht haben. Das vermeintlich gewinnbringende Investment entpuppte sich als Fehlinvestition. Keine spektakuläre Sache. Eigentlich. Denn die Geschichte geht weiter.

Veruntreuung von Geldern

Shkreli war einige Zeit CEO von Retrophin, einem Pharmaunternehmen. Er soll Vermögen dieser Gesellschaft dazu benutzt haben, Schadensersatzansprüche der betrogenen Hedge Fonds Investoren zu befriedigen. Es gelang ihm, das board of directors (lässt sich am ehesten als “Aufsichtsrat” übersetzen) und die weiteren Aufpasser des börsennotierten Unternehmens zu hintergehen.

Verteidigung

Shkreli plädiert auf “nicht schuldig”. Er setzt auf den Promi-Anwalt Benjamin Brafman.

Angeklagter Nr. 2: M&A-Anwalt und Berater Evan Greebel

Richtig spannend wird der Fall erst wenn der Rechtsanwalt Evan Greebel die Bühne betritt. Ihm wird zur Last gelegt, Shkreli bei seinen illegalen Tätigkeiten maßgeblich geholfen zu haben.

Greebel beriet Retrophin

Der im Markt bekannte Anwalt war von Dezember 2012 bis September 2014 rechtlicher Berater von Retrophin. Greebel war seinerzeit Partner der US-Kanzlei Katten Muchin Rosenman (danach wechselte er zur Wirtschaftskanzlei Kaye Scholer).

War der Rechtsanwalt Komplize oder nur beratender Jurist?

Der Wirtschaftsanwalt soll bei der Veruntreuung der Gelder geholfen haben. Ihm wird nun angelastet, beim Entwerfen von erfundenen Beratervereinbarungen und Vergleichsvereinbarungen geholfen zu haben. Diese sollten den Eindruck erwecken, dass es bei Retrophin einen geschäftlichen Anlass für den Transfer der Vermögenswerte gab. Durch seine rechtliche Beratung soll er damit die illegalen Aktivitäten von Shkreli erst ermöglicht haben.

Verteidigung und Urlaub in Mexiko

Greebel lässt sich durch die bekannte Kanzlei Gibson Dunn vertreten. Auch er plädiert auf “nicht schuldig”. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Shkreli den ehemaligen Berater dahingehend belasten wird, dass er ihn falsch beraten habe. Er könnte damit zum “Bauernopfer” werden.

Retrophin muss möglicherweise die Anwaltskosten beider Beschuldigter tragen, wie die New York Times berichtet.

Anfang des Jahres war Greebel trotz der Vorwürfe noch Partner bei Kaye Scholer. Inzwischen hat er die Kanzlei aber verlassen, wie das Wall Street Journal berichtet. Er ist durch Hinterlegung einer Kaution von 1 Million US-Dollar auf freiem Fuß und hat Erlaubnis, seinen geplanten Erholungsurlaub anzutreten. Im Urlaubsparadies Cancun, Mexiko.

Das Video zeigt, wie Shkreli und sein Rechtsberater Greebel abgeführt werden.

Fataler Interessenkonflikt des Rechtsanwalts?

Der amerikanische Jura-Professor Peter Henning hat in der New York Times auf einige interessante Aspekte des Falls hingewiesen. Greebel könnte in einen Interessenkonflikt geraten sein, indem er zugleich das Unternehmen Retrophin sowie die Person Shkreli beriet.

Staatsanwaltschaft gelingt großer Coup

E-Mails zwischen Shkreli und Greebel sind ein Hauptbeweismittel in dem Strafprozess. Die Staatsanwaltschaft konnte das Gericht überzeugen, die Kommunikation zwischen Anwalt und Mandant als Beweismittel nutzen zu dürfen, da sie mutmaßlich die strafbare Vorgehensweise beider belegen. Dies ist bemerkenswert, da die Kommunikation zwischen Anwalt und Mandant wie in Deutschland geschützt ist. Dies nennt sich in den USA “attorney client privilege”.

Laut Medienberichten fragte Shkreli den Anwalt Greebel im Oktober 2013 per E-Mail, wieso ein Beratungsvertrag nötig sei:

“Why would it need to be a consulting agreement???!”

Rechtsberater Greebel antwortete:

“We can call it a settlement agreement, but given [the auditor’s] recent behavior they may require it to be disclosed in the financials. I was trying to prevent that issue.”

Diese elektronische Antwort könnte den Anwalt nun die Freiheit und sehr viel Geld kosten. Sie deutet darauf hin, dass Greebel durch rechtliche Winkelzüge gezielt den Argwohn der unabhängigen Wirtschaftsprüfer ausschalten wollte.

US-Börsenaufsicht SEC macht gegen Anwälte mobil

Neben dem Strafprozess läuft gleichzeitig ein Verfahren der Securities and Exchange Commission (SEC - die amerikanische Wertpapieraufsicht). Die SEC will in Zukunft Rechtsanwälte stärker ins Fadenkreuz nehmen, die bisher nur mit Samthandschuhen angefasst wurden. Wall-Street-Anwälten wird ein eiskalter Schauer bei den folgenden Sätzen einer SEC-Funktionärin über den Rücken gelaufen sein:

“[...] one gatekeeper that often is absent from the list of cases I see every week are the lawyers.  Lawyers often serve as trusted advisers, and they give advice on almost every corporate transaction. [...] And in most cases, they do a good job.  But when lawyers provide bad advice or effectively assist in a fraud, sometimes their involvement is used as a shield against liability for both themselves, and for others. 

Are we treating lawyers differently from other gatekeepers, such as accountants?  I think we should carefully review the role that lawyers play in our markets [...].”1

Fazit

Wann wird rechtliche Beratung zur Beihilfe? Wann verliert die vertrauliche Kommunikation zwischen Anwalt und Mandant ihre Schutzwürdigkeit und kann deshalb als Beweismittel genutzt werden? Wie vielen Herren kann ein Rechtsanwalt gleichzeitig dienen? Auch wenn der Fall scheinbar weit weg ist: die zugrunde liegenden Fragen sind auch für deutsche Rechtsanwälte von höchster Relevanz.


  1. Commissioner Kara M. Stein, Keynote Address at Compliance Week 2014 (https://www.sec.gov/News/Speech/Detail/Speech/1370541857558 - abgerufen am 16.03.2016)