USA: Zeugen in Cold-Case-Prozess werden zum Spielball von Verteidigern und Staatsanwaltschaft

Das menschliche Auge funktioniert eigentlich recht gut. Mit der Erinnerung sieht es leider weniger rosig aus. Trotzdem nimmt der Zeuge in Strafprozessen oftmals eine Schlüsselrolle ein. Wie auch im Fall Etan Patz.

Das menschliche Auge funktioniert eigentlich recht gut. Mit der Erinnerung sieht es leider weniger rosig aus. Trotzdem nimmt der Zeuge in Strafprozessen oftmals eine Schlüsselrolle ein. Wie auch im Fall Etan Patz.

Im Mittelpunkt eines aktuell laufenden Strafprozesses in den USA steht die Frage, ob der heute 55-jährige Pedro Hernandez im Jahr 1979 den damals 6-jährigen Etan Patz verschwinden ließ. Der Fall erregte seinerzeit wie auch heute landesweit öffentliches Aufsehen.

Die Staatsanwaltschaft versucht in einem zweiten Prozess die Jury davon zu überzeugen, dass Hernandez den Jungen tötete

Ein erster Versuch der Staatsanwaltschaft, eine Jury von Hernandez’ Täterschaft zu überzeugen, scheiterte im Jahr 2015 weil einer der zwölf Juroren eben nicht überzeugt war. Ein erneuter Anlauf begann nun im Oktober 2016.

Der Grundsatz ne bis in idem, in den USA unter dem Stichwort “Double Jeopardy” geläufig, steht dem zweiten Anlauf wohl nicht entgegen, weil der erste Prozess führ fehlerhaft und ein erneuter Prozess für notwendig erklärt wurde.

Hernandez gestand die Tat - unter Druck?

Es gibt ein 3-stündiges polizeiliches Vernehmungsvideo in welchem Hernandez die Kindstötung gesteht.

Die Verteidiger von Hernandez weisen auf Widersprüche in seinem Geständnis hin. Außerdem machen sie geltend, dass ihr Mandant einen IQ von nur 70 habe. Zudem sei er psychisch krank, sodass er Fakten und Realität vermische. Kurz gesagt, er habe aufgrund des Verhördrucks ein falsches Geständnis abgeliefert.

Neuer Prozess offenbart dass Zeugen ein miserables Beweismittel sind

Der Zeugenbeweis als Sorgenkind

In einer Anklage ohne physischen Beweis kommt Zeugenaussagen häufig eine Schlüsselrolle zu. So auch hier: Aussagen sollen u.a. die Vernehmungsbeamte der Polizei sowie Freunde und Familienmitglieder von Hernandez.

Der neue Prozess hat nun die Besonderheit, dass auf Protokolle des ersten Prozesses zurückgegriffen werden kann. Das ist, gewürzt mit der Tatsache, dass die Tat einige Jahrzehnte zurückliegt, ein kleiner Albtraum für den Justizapparat. Denn den Zeugen können ihre Aussagen aus dem ersten Prozess vorgehalten werden. Hinzu kommen noch polizeiliche Vernehmungsprotokolle aus der Ermittlungstätigkeit der Polizei. Ein lesenswerter Artikel des Wall Street Journal vom 28.11.2016 geht auf diesen Aspekt des Prozesses ein.

Das Potential für Widersprüche in Aussagen, Erinnerungslücken und weitere Fallstricke der Zeugenaussagen ist in dieser Konstellation enorm. Es ist keine Seltenheit, dass ein Zeuge seine Erinnerung so oft wiedergegeben hat, dass er seine “Geschichte” auf im Schlaf aufsagen könnte.

Während die Verteidiger jede Ungereimtheit in den Zeugenaussagen ausgraben, weist die Staatsanwaltschaft gebetsmühlenartig auf das Geständnis hin

Die Verteidigung versucht nun um jeden Preis, auch scheinbar kleinste Ungereimtheiten und Fehler in belastenden Zeugenaussagen offenzulegen. Davon wird es sicherlich reichlich geben. Die Staatsanwaltschaft ist dagegen bemüht, den Blick der Juroren auf das vermeintlich Wesentliche zu schärfen: Hernandez hat die Tat gestanden.

Ein ehemaliger Staatsanwalt der nun als Jura-Professor lehrt sieht jedoch einen entscheidenden “Vorteil” auf Seiten der Staatsanwaltschaft: Die belastenden Zeugen hatten bereits im ersten Prozessanlauf die Gelegenheit, ihre Aussage vor Publikum “zu üben”. Selbst wenn es nun kleine Widersprüche bei weniger relevantem Nebengeschehen geben könnte, sei es doch einigermaßen sicher, dass die Zeugen ihre “Kernbotschaft” sogar noch überzeugender an das “Publikum” verkaufen können.

Dies muss man sich auf der Zunge zergehen lassen und spricht Bände über den Beweiswert von Zeugenaussagen.

Gefälschte Erinnerungen

Das passt gut zum kürzlich im Strafjournal erschienen Artikel über die “Gedächtnisforscherin” Julia Shaw und deren kürzlich erschienenes Buch. In eindrucksvollen Experimenten konnte sie zeigen, wie einfach es ist, die Erinnerung eines Menschen zu manipulieren. Das kann auch durchaus unbewusst geschehen. So wirkt es sich auch wenig wahrheitsförderlich aus, wenn ein Zeuge immer und immer wieder seine Erinnerung zu einem bestimmten Ereignis wiedergibt.

Das ist gerade in Strafverfahren aber leider immer wieder unausweichlich der Fall. So formen Zeugen mit jeder Wiedergabe ihrer Erinnerung zugleich ihre Erinnerung selbst wieder neu.

Fazit

Es ist mit Spannung zu erwarten wie der Fall Etan Patz ausgeht. Wirklich tragisch ist aber, dass das Beweismittel mit dem geringsten Beweiswert über das Schicksal eines Menschen entscheidet.