USA - der älteste "cold case" ist wieder cold

Dieser Artikel wurde zuletzt am 23. Mai 2016 aktualisiert.

Der älteste cold case der USA wurde mit dem Freispruch von Jack McCullough erneut zum Rätsel.

Der älteste cold case der USA wurde mit dem Freispruch von Jack McCullough erneut zum Rätsel.

Jack Daniel McCullough ist seit wenigen Tagen wieder ein freier Mann. Kurz nach seiner Haftentlassung verzehrte der in Irland geborene Veteran der US-Armee erst einmal eine Pizza mit Peperoni.

Der 76-Jährige wurde nach Ansicht der Staatsanwaltschaft und des Gerichts zu Unrecht wegen des im Jahr 1957 begangenen Verbrechens an einem kleinen Mädchen verurteilt. Der Fall war lange Zeit der älteste “cold case” der Vereinigten Staaten. Das änderte sich erst im Jahr 2012, als McCullough verurteilt wurde. Jetzt stehen die Ermittlungen wieder bei Null.

Mehr über den Fall bei CNN (siehe auch hier) und New York Times.

Berufung führt zu Freispruch

McCullough wehrte sich erfolgreich mit einer 80 Seiten umfassenden Berufung gegen das Urteil, welches ihn Jahrzehnte nach der Tötung des Mädchens hinter Gitter brachte. Es gab keine “harten” Beweise gegen ihn. Die Anklage baute ihren Fall auf wackeligem Boden und Indizien.

Von der eigenen Mutter am Sterbebett beschuldigt

Die Ermittlungen gegen ihn wurden erst vor wenigen Jahren losgetreten, als seine seine an Krebs leidende Mutter ihn am Sterbebett der Tat bezichtigte. Seine Verteidiger stellten die Beweiskraft dieser Aussage aber in Frage, da die Mutter unter starken Schmerzmitteln stand und geistig verwirrt gewesen sei.

Zeugin will McCullough 53 Jahre nach der Tat identifiziert haben

Die Staatsanwaltschaft stützte sich außerdem auf die Aussage einer Zeugin, die McCullough 53 Jahre nach dem Mordfall anhand einer Lichtbildvorlage identifiziert haben will. Die Zeugin war eine Freundin des getöteten Mädchens und spielte kurz vor der Entführung mit dem Opfer.

Die Freundin des Opfers erwies sich aber schon in der Vergangenheit als unsicher was die Identifizierung des Täters anbelangt. Sie hatte im Jahr der Entführung einen Mann als Täter ausgemacht, der ein sicheres Alibi hatte: er war zum Tatzeitpunkt im Gefängnis. Eine verlässliche Zeugin sieht sicherlich anders aus - von den Erinnerungsproblemen nach mehr als 50 Jahren ganz zu schweigen.

Gefängnis-Informanten belasteten den gebürtigen Iren

In dem Strafprozess belasteten auch drei Informanten der Polizei McCullough erheblich. Die gemeinsam mit dem Beschuldigten vor dessen Verurteilung Inhaftierten gaben an, dass er ihnen gegenüber die Ermordung der 7-Jährigen Maria geschildert habe. Dabei wichen ihre Angaben bzw. die Erzählung aber erheblich voneinander ab, sodass auch am Wahrheitsgehalt dieser Angaben Zweifel angemeldet wurden.

Ermittler: McCullough verhielt sich verdächtig

McCullough, der früher John Tessier hieß und in der Nähe des Opfers wohnte, soll der Mann gewesen sein der im Jahr 1957 die zwei kleinen Mädchen ansprach. Zu diesem Zeitpunkt wäre er 18 Jahre alt gewesen. Dieser Auffassung waren die Ermittler als sie gegen den Rentner Anklage erhoben.

Als der Verdacht gegen McCullough aufkam, konfrontierten sie ihn in einer Vernehmung mit den Vorwürfen. Sie brachten für die Vernehmung eigens einen Verhörspezialisten mit. Der in Belfast geborene McCullough soll sich in dem Gespräch sehr verdächtig benommen haben als er mit dem Tatvorwurf konfrontiert wurde. So habe er aggressiv und ausweichend reagiert.

Jack McCullough wurde in dem Mordfall um die im Jahr 1957 getötete Maria Ridulph freigesprochen.

Entlastende Beweise entdeckt

Nach seiner Verurteilung vorgebrachte, neue Beweismittel belegen dagegen nach Ansicht des Richters William P. Brady, dass McCullough die Tat nicht begangen hat. Er war zu weit vom Tatort entfernt, wie inzwischen aufgetauchte Telefonprotokolle nahelegen. Sein Alibi wurde dadurch entscheidend gestärkt.

McCullough sagt seit langem, dass er am Tag der Entführung in Rockford gewesen sei, um sich dort für die Air Force einzuschreiben. Er war deswegen schon früh von der Liste der Verdächtigen gestrichen worden.

Staatsanwaltschaft von Unschuld überzeugt - Opferfamilie entsetzt

Aber nicht nur das Gericht hat zu große Zweifel an der Täterschaft des gebürtigen Iren. Staatsanwalt Richard Schmack, im Amt seit 2012, ist der vollen Überzeugung dass der Mann unschuldig ist. Er wird nicht erneut versuchen, McCullough strafrechtlich zu verfolgen.

Charles Ridulph, der Bruder des getöteten Mädchens, zeigte sich hingegen enttäuscht. Er will versuchen, doch noch ein neues Verfahren zu erzwingen um McCullough hinter Gitter zu bringen. Über diese Möglichkeit einen neuen “special prosecutor” mit der Sache zu betrauen wird in wenigen Tagen entschieden. Kürzlich beschuldigte er den eigentlich zuständigen Schmack, voreigenommen zu sein (siehe hier)

Entführung erregte in den 50er Jahren landesweit Aufsehen

Die Entführung und Tötung der 7-jährigen Maria Ridulph in Sycamore, Illinois, zog landesweites Aufsehen auf sich. Das Mädchen spielte mit einer Freundin auf der Straße, als die beiden von einem Mann angesprochen wurden, der sich als “Johnny” vorstellte. Er bot ihnen an, sie “Huckepack” zu nehmen. Als die Freundin nach Hause musste und später zum Spielen zurückkehren wollte, war Maria aber verschwunden - ebenso wie der mutmaßliche Täter.

Pilzsammler fanden Marias Leiche fünf Monate später. Wie ein forensischer Anthropologe Jahrzehnte später herausfand, wurde sie erstochen. Von dem Tatort wurden keine Bilder gemacht, um die Würde des Opfers und die Familie zu schützen. Aus heutiger Sicht ein ermittlungstechnischer Fehler.

Zusammenfassung

Der Mord an Maria Ridulph bleibt weiter ungeklärt. Jack McCullough saß für das Verbrechen von 2012 bis 2016 in Haft. Allerdings beruhte seine Verurteilung auf wackeligen Indizien. Zuletzt wurde sein Alibi durch Telefonprotokolle bestätigt, sodass er im April 2016 frei kam. Der älteste “cold case” der USA ist damit wieder ein ungelöster Fall.