Natürlich unnatürlich - hohe Dunkelziffer bei Tötungsdelikten

Regelmäßig werden in Deutschland "Scheintote" bestattet. Ursächlich sind falsch ausgefüllte Totenscheine. Ärzte leisten dazu einen unerfreulichen Beitrag. Auch  Anzeichen für Tötungsdelikte werden häufig übersehen.

Regelmäßig werden in Deutschland "Scheintote" bestattet. Ursächlich sind falsch ausgefüllte Totenscheine. Ärzte leisten dazu einen unerfreulichen Beitrag. Auch  Anzeichen für Tötungsdelikte werden häufig übersehen.

Die Opfer haben keine Stimme mehr. Das Einzige was noch helfen kann, den “perfekten Mord” zu verhindern ist häufig die Rechtsmedizin. Doch eine Obduktion gibt es nur, wenn im Rahmen der Leichenschau Zweifel an einem natürlichen Tod angemeldet werden. Hier versagen Deutschlands Ärzte regelmäßig. Das Gruselkabinett rund um fehlerhafte Leichenschauen reicht von übersehenen Würgemalen bis hin zur Bestattung “Scheintoter”. Viele Straftaten werden daher nie bemerkt.

1.200 Tötungsdelikte bleiben jährlich unentdeckt

“Man geht etwa davon aus, dass 1.200 Tötungsdelikte im Sinne von vorsätzlichen Tötungsdelikten durch die Leichenschau pro Jahr in Deutschland nicht entdeckt werden." Burkhard Madea, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, Uni Bonn

Es gibt äußerst beunruhigende Schätzungen renommierter Rechtsmediziner, wonach auf jeden erkannten Mord/Totschlag ein nicht erkanntes vorsätzliches Tötungsdelikt kommt. Das wäre eine Dunkelziffer von 1:1. Genau weiß man es nicht, denn das zeichnet eine Dunkelziffer ja gerade aus.

Was ist ursächlich für die Fehldiagnosen?

Für die erschreckend hohe Zahl von ärztlichen Fehlbeurteilungen werden unter anderem verantwortlich gemacht:

  • mangelnde Aus- und Fortbildungen die die Mediziner überhaupt erst zu einer korrekten (äußeren) Leichenschau befähigen würden

  • Interessenkonflikte: Hausarzt oder “Dorfarzt” macht die Leichenschau

  • Überforderung des Arztes

  • (falsche) Zurückhaltung des Arztes verhindert, dass er gegebene Zweifel an der Natürlichkeit des Todes dokumentiert

Das muss der Arzt bei der Leichenschau prüfen

Insbesondere folgende Feststellungen muss der Arzt im Rahmen der Leichenschau treffen und im “Totenschein” (Todesbescheinigung) vermerken:

  • Den Tod an sich (u.a. um nicht versehentlich “Scheintote” zu bestatten)

  • Todesursache

  • Todesart (Natürlicher Tod? Gibt es Anhaltspunkte für einen nicht natürlichen Tod?)

  • Todeszeit

Zweite ärztliche Leichenschau

Vor Feuerbestattungen ist sogar vorgeschrieben, dass es eine zweite Leichenschau gibt. Denn mit der Verbrennung bleibt von dem Leichnam nicht mehr viel übrig. Die zweite Leichenschau ist oftmals die letzte Chance, einen Täter noch dem Strafrecht zuzuführen.

In einigen Bundesländern ist vorgeschrieben, dass diese zweite Leichenschau ein Rechtsmediziner - und damit ein Experte - durchführt. Das verhindert in vielen Fällen, dass unnatürliche Tode fälschlich als natürlich deklariert werden.

So ergab eine kürzlich vorgestellte Untersuchung, dass in mehr als 700 Fällen der in der ersten Leichenschau festgestellte natürliche Tod ganz und gar nicht natürlich war. Und die Zahlen bezogen sich nur auf zweite Leichenschauen vor Feuerbestattungen, nur in Mecklenburg-Vorpommern, in einem Zeitraum von 2011 bis Juli 2015.

Zahlen die beunruhigen.

Fazit

Um das Strafrecht zu Anwendung bringen zu können, muss überhaupt erst ein strafprozessualer Verdacht vorliegen, der Staatsanwaltschaft und Polizei zu Ermittlungen veranlasst. Wird aber schon die Leichenschau fehlerhaft durchgeführt, bleibt die Straftat meist unentdeckt. Das ist in Deutschland an der Tagesordnung.

Quellen:

  • “Wenn der natürliche Tod gar nicht so natürlich war”, erschienen in “CME”, Ausgabe 1-2 2016

  • Defizite bei Leichenschau und Obduktion, Deutschlandfunk, 3. Dezember 2015

  • “Zur Problematik der ärztlichen Leichenschau aus rechtsmedizinischer Sicht”, erschienen in “Die Kriminalpolizei”, Juni 2008