Der Rosenheimer "Dopingfall" und das Anti-Doping-Gesetz

Der Gesetzgeber hat die Latte hoch gehängt: als Freizeitsportler kann man im Normalfall nicht wegen Selbstdoping strafbar machen.

Der Gesetzgeber hat die Latte hoch gehängt: als Freizeitsportler kann man im Normalfall nicht wegen Selbstdoping strafbar machen.

Die “Wasserburger Stimme”, ein Online-Nachrichtenportal aus Bayern, veröffentlichte kürzlich eine Schlagzeile auf die ich aufmerksam geworden bin. Die Überschrift betrifft eines der spannendsten strafrechtlichen Themen der letzten Monate: das Anti-Doping-Gesetz.

Manches Feedback das ich auf meine bisherigen Artikel zum Anti-Doping-Gesetz bekommen habe zeigt, dass es über die neue Strafbarkeit des Selbstdopings recht viele Fehlvorstellungen gibt. Insbesondere trifft man häufiger auf die Befürchtung, dass jetzt jeder überambitionierte Fitnessstudio-Besucher wegen des neuen Anti-Doping-Gesetzes Probleme mit der Staatsanwaltschaft bekommen kann, wenn er Dopingmittel konsumiert. Das stimmt aber nicht.

Ich werde daher die Nachrichtenmeldung dazu nutzen um das noch einmal deutlich zu machen. (Im Detail habe ich über die Voraussetzungen unter denen man sich wegen Selbstdoping strafbar macht in diesem Artikel geschrieben.)

Sachverhalt

Die Meldung lautet “Polizei erwischt jungen Mann mit Doping”. Da ich selbst im Strafjournal gelegentlich grammatikalische Unzulänglichkeiten offenbare unterlasse ich hier lieber einen besserwisserischen Korrekturvorschlag. ;-) Also zur Sache:

Der Sachverhalt

Geschildert wird in der Nachrichtenmeldung, dass die Polizei (nein, es geht nicht um die Rosenheim Cops) am 2. Mai 2016 einen PKW-Fahrer kontrollieren wollte. Dieser war wohl wenig begeistert und versuchte daher unauffällig zuvor noch schnell ein mit Anabolika gefülltes Päckchen los zu werden. Das war es auch schon fast mit den Fakten. Der Artikel endet schließlich mit der Feststellung

“Den jungen Mann erwartet nun eine Anzeige nach dem seit Dezember 2015 geltenden Anti-Doping-Gesetz”.

Richtig ist daran in erster Linie, dass das Gesetz im Dezember 2015 in Kraft getreten ist. Mit dem Rest habe ich aber Probleme.

“Strafanzeige”?

Ein juristischer Hinweis sei zuerst gestattet: Wenn der “junge Mann” sich möglicherweise strafbar gemacht haben sollte: Wieso erwartet ihn dann eine Strafanzeige? Soll die Polizei diese stellen? Diese ermittelt doch beim Verdacht einer Straftat von alleine (Legalitätsprinzip). Genau genommen habe ich noch nie gehört, dass die Polizei als solche Strafanzeige stellt um damit eigene Ermittlungen einzuleiten. Das ergibt keinen Sinn.

Nun aber zur Hauptfrage: hat sich der junge Mann nach dem Anti-Doping-Gesetz strafbar gemacht?

Strafbarkeit wegen des Besitzes von Dopingmitteln für den Eigenbedarf?

Angenommen der Mann hatte die anabolen Steroide dabei um diese bei sich selbst anzuwenden: Wieso sollte er sich nach dem Anti-Doping-Gesetz strafbar gemacht haben?

Ich spiele damit auf die Voraussetzungen an, unter denen sich ein Sportler wegen Selbstdoping strafbar machen kann. Die Latte dafür hat der Gesetzgeber sehr hoch gehängt. Letztlich sollen vorrangig Leistungssportler erfasst werden.

Strafbarkeit wegen Besitz eines Dopingmittels zur eigenen Anwendung

Der Mann könnte sich nach § 4 Absatz 2 in Verbindung mit § 3 Absatz 4 AntiDopG strafbar gemacht haben, wenn er die Anabolika als Sportler zu eigenen Anwendung bei sich gehabt hatte.

“Wettbewerb des organisierten Sports”

Um sich als Sportler wegen des Besitzes strafbar zu machen muss man - so fordert es das Gesetz - das Dopingmittel mit der Intention besitzen “um sich dadurch in einem Wettbewerb des organisierten Sports einen Vorteil zu verschaffen”.

Dass der Mann eine solche Absicht hatte, kann man dem dargestellten Sachverhalt aber nicht einmal ansatzweise entnehmen. Die Frage “was ist also ein Wettbewerb des organisierten Sports?” stellt sich daher gar nicht. (Wen es trotzdem interessiert: die Antwort auf die Frage gibt es in diesem Artikel.)

Spitzensportler

Selbst wenn man von der Wettkampfteilnahmeabsicht einmal absieht: Der Dopingsünder müsste ein Spitzensportler sein oder durch den Sport “Einnahmen von erheblichem Umfang” erzielen. Das fordert das Anti-Doping-Gesetz in § 4 Absatz 7.

Fakten dazu? Fehlanzeige. Ganz im Gegenteil: Wenn es sich um einen Top-Sportler gehandelt hätte, wäre darüber sicherlich berichtet worden.

Teilergebnis

Die von der Wasserburger Stimme präsentierten Fakten geben nichts dafür her, dass sich der Mann nach dem Anti-Doping-Gesetz wegen des Besitzes der Dopingmittel zum Zweck des Selbstdopings strafbar gemacht haben könnte.

Strafbarkeit als Dealer, Produzent oder Betreuer?

Das Anti-Doping-Gesetz kennt außer dem Selbstdoping noch weitere Fälle in denen man sich strafbar machen kann. Diese betreffen nicht den Sportler selbst sondern Personen aus dem Bereich Herstellung und Logistik, insbesondere

  • Produzenten

  • Händler

  • Dealer

  • Betreuer

  • Doping-Ärzte

Diese Fälle sind § 4 Absatz 1 Nr. 1-3 in Verbindung mit § 2 Anti-Doping-Gesetz geregelt.

Der Rosenheimer “Dopingfall” könnte in eine dieser Kategorien fallen. Insbesondere wenn nach der Sicherstellung der Anabolika möglicherweise eingeleitete Ermittlungen ergeben, dass der Mann die Anabolika als Dealer o.ä. dabei hatte. Die mitgeführte Menge und seine Aussage wird dazu schnell erste Erkenntnisse gebracht haben.

Der von dem Nachrichtenportal dargestellte Sachverhalt trifft dazu aber keine Aussage und gibt dafür auch keine Anhaltspunkte her. (Möglicherweise wollte man in der Nachrichtenmeldung auch nur sagen, dass es jetzt derartige anfängliche Ermittlungen gibt?)

Fazit

Das neue Anti-Doping-Gesetz hat es gerade nicht auf den übertrieben ehrgeizigen Hobbysportler abgesehen. Vielmehr geht es darum, den Spitzen- und Leistungssport vom Doping zu befreien. Die Nachrichtenmeldung ist ein willkommener Anlass, dies klar zu stellen.

Darüber hinaus sollen unter dem neuen Gesetz Personen aus dem Bereich der Doping-Infrastruktur bestraft werden können.

So wie die Faktenlage zu dem Dopingfall aus Rosenheim hier präsentiert wurde, ist mehr als fraglich ob sich der junge Mann nach dem Anti-Doping-Gesetz strafbar gemacht hat. Wenn doch noch neue Informationen ans Licht kommen, die einen anderen Schluss zulassen, werde ich gerne darüber berichten.

Mehr Informationen zum Anti-Doping-Gesetz

Im Strafjournal können Sie noch mehr zum Anti-Doping-Gesetz (AntiDopG) nachlesen, dessen offizielle Bezeichnung “Gesetz gegen Doping im Sport” ist.

Eine Einführung zum Anti-Doping-Gesetz

Kurz nach Inkrafttreten des Gesetzes erschien mein Beitrag “Das Anti-Doping-Gesetz”, welcher das Gesetz kurz vorstellt. Ein guter Einstieg in die Thematik.

Erste strafrechtlich relevante Dopingfälle und Verstoß gegen Grundrechte?

Nachdem mit den Ringern des ASV Nendingen sowie dem Dopingfall Rouven Christ die ersten Anwendungsfälle für das noch junge Gesetz bekannt wurden, habe ich über diese Fälle in einem zweiten Beitrag berichtet.

Außerdem gehe ich darin auf einen weiteren Aspekt: Kritiker des Gesetzes sagen und schreiben häufig, dass das Doping eine willentliche Entscheidung des Sportlers sei, sich selbst gesundheitlich zu gefährden. Der Staat dürfe das Selbstdoping daher nicht unter Strafe stellen. Stimmt das?

Meine Antwort und alles zu den Dopingfällen können Sie im Artikel: “Anti-Doping-Gesetz: erste Fälle und verfassungsrechtliche Bedenken” nachlesen.

Mehr zur Bestrafung des Selbstdopings

Was Sportler natürlich besonders interessiert ist die Frage: Mache ich mich, wenn ich beim Doping erwischt werde, strafbar?

Es geht daher in meinem dritten Artikel zum Thema Anti-Doping-Gesetz nur um die Strafbarkeit des Selbstdopings. Der Artikel “Anti-Doping-Gesetz: Strafbarkeit des Selbstdopings” dürfte für Athleten, Betreuer und Funktionäre gleichermaßen interessant sein.