Verteidigung von Sexualstraftätern im Grenzbereich der Berufsethik - "whack no more"

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Gegenstand der heutigen Ausgabe des Strafjournals ist ein interessanter Aufsatz des kanadischen Juraprofessors David M. Tanovich von der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Windsor-Universität in Ontario, Kanada. Der Titel des Beitrags lautet: “'Whack' No More: Infusing Equality into the Ethics of Defence Lawyering in Sexual Assault Cases”.1

Worum geht es in dem Aufsatz?

Tanovich fordert, dass der Verteidigung des Beschuldigten bei Sexualdelikten2 Grenzen gesetzt werden sollten. Er führt diese Forderung zurück auf ethisch fragwürdige Verteidigungsstrategien.

Konkret geht es um das Problem einer als missbräuchlich empfundenen und berusethisch grenzwertigen Verteidigungsstrategie, die darauf abzielt das Opfer einer Sexualstraftat persönlich zu attackieren und - wider besseres Wissen - als unglaubwürdig darzustellen. Nur mit dem Zweck, den eigenen Mandanten so effektiv wie möglich zu verteidigen. Um jeden Preis. Kollateralschäden inklusive.

Die bisherige Reaktion der kanadischen Rechtsordnung, die sich auf eine Beschränkung der Beweiserhebung konzentrierte, konnte nach seiner Auffassung nicht alle unethischen Verteidigungsansätze ausmerzen. Deshalb argumentiert er dafür, Schranken der Strafverteidigung aus berufsethischen Grundsätzen herzuleiten. Dies wäre ein neuer Ansatz. Wann aber sollen diese Schranken aktiviert werden? Das ist die entscheidende Frage.

Sexualstraftaten unterscheiden sich von anderen Delikten

Effektive Strafverfolgung von Sexualstraftaten selten gewährleistet

Sexualdelikte unterscheiden sich in vielen Aspekten von anderen Delikten. Sie sind gekennzeichnet durch folgende Charakteristika, die Tanovich schildert:

  • hohe Dunkelziffer

  • werden oftmals nicht zur Anzeige gebracht

  • hohe Freispruchraten

  • häufig konstitutionell unterlegene und überfordete Opfer

  • erneute Traumatisierung des Opfers durch den Strafprozess

Angeprangerte Verteidigungsstrategie: whack the complaint

Darüber hinaus argumentiert der kanadische Professor, dass auch die Strafverteidigung sich in diesem Bereich fundamental von der bei anderen Straftaten unterscheidet. Auf dieser Annahme beruht der gesamte Aufsatz.

Dabei wird sehr ausführlich die sogenannte “whack the complainant strategy” (lässt sich in etwa als ”Strategie des Einprügelns auf den Verletzten” übersetzen) beschrieben. Darunter versteht man, wenn der Verteidiger sich in der Gesellschaft verbreitete diskriminierende Annahmen und Vorurteile über Frauen und Sexualstraftaten zunutze macht. Dies beinhaltet unter anderem die Erniedrigung des Opfers im Strafprozess oder das Ausnutzen von Stereotypen über Frauen und Einvernehmen bei sexuellen Handlungen.

Die Taktik kann zum Beispiel auf Kommunikationsverhalten, Kleidungsstil oder sexuelle Vergangenheit des Opfers abzielen. Sie hat in der Regel zur Folge, dass sich das mutmaßliche Opfer vorgeführt und selbst angeklagt fühlt. Ein Beispiel könnte so aussehen: Der Rechtsanwalt des Angeklagten führt aus, dass das Opfer - ich traue mich kaum es zu schreiben - die sexuellen Handlungen durch Freizügige Bekleidung und aufreizendes Tanzen selbst herausgefordert habe.

Tanovich beschreibt hier nicht etwa einen Mythos, sondern belegt die Existenz dieses Verteidigungsansatzes mit zahlreichen Quellen, auch aus der Ausbildungsliteratur für Strafverteidiger. Der Professor resümiert:

“[...] sexual assault is [...] arguably the only offence where defence lawyers are socialized and taught by their peers and mentors that the client’s best defence is to have a lawyer who is prepared to act like Rambo and do whatever it takes to secure an acquittal, even if it means violating basic tenants of human decency and dignity and the lawyer’s own commitment to equality.”3

Neuer rechtlicher Rahmen

Wie bereits geschildert erachtet der Kanadier die bisherigen Maßnahmen gegen diese Strategie als ungenügend. Er plädiert deshalb für einen neuen Ansatz, der sich auf das Verhalten des Rechtsanwalts konzentriert. Dieses soll seine Schranken im Standesrecht und der Berufsethik finden. Er bezieht sich unter anderem auf die Pflicht des Strafverteidigers, nicht zu diskriminieren sowie seine Pflicht, in gutem Glauben zu handeln. Es handelt sich letztlich um Prinzipien des Common Law, die zum Teil keine direkte deckungsgleiche Entsprechung im deutschen Recht haben.

Anwendung auf aggressive Verteidigungsstrategien

Ist der eigene Mandant schuldig?

Tanovich knüpft seinen Ansatz an die aus Sicht des Strafverteidigers essentielle Frage, ob der eigene Mandant schuldig ist. Wenn ja, soll hieraus eine Einschränkung des Verteidigungsrepertoires folgen. Wann soll man aber wissen, ob der eigene Mandant schuldig ist?

Der kanadische Professor gibt auch hierauf eine Antwort. Unter anderem soll man von der Schuld des eigenen Mandanten ausgehen können wenn:

  • Mandant eigene Schuld einräumt

  • Beweislage erdrückend ist und keine Zweifel an der Schuld des Mandanten zulässt

  • Mandant sich freiwillig selbst in polizeilichen Vernehmungen erheblich belastet hat indem er eine Version des Geschehens angab, die der des Opfers gleicht

Das bedeutet, dass man nicht nur auf ein explizites Einräumen der Vorwürfe durch den Mandanten abstellen könnte. Vielmehr erfolgt eine Ausdehnung auf andere Fälle, in denen es keine vernünftigen Zweifel geben kann.

Wenn der Verteidiger von der Schuld des Mandanten ausgehen musste: welche Beschränkungen folgen daraus?

Gibt es nach obigen Maßstäben keine Zweifel an der Schuld des Mandanten, sind nach der Ansicht von Tanovich die Möglichkeiten des Strafverteidigers einzuschränken:

  • Keine Zeugen benennen mit dem Ziel die Unschuld des Mandanten nachzuweisen

  • Keine Verteidigungsstrategie die darauf basiert, einen angeblichen Konsens des Opfers nahezulegen

  • Kein Kreuzverhör des Opfers mit dem Ziel, es als Lügner dastehen zu lassen

  • Kein Versuch die sexuelle Vergangenheit des Opfers durch entsprechende Beweisanträge zum Gegenstand des Prozesses werden zu lassen

Zusammenfassung und Bewertung

“[Defence lawyers] have significantly contributed to the systemic problems with our treatment of sexual assault and those victimized by it.”4

Vor allem, dass Tanovich sich nicht davor scheut ein von Strafverteidigern verharmlostes Vorgehen offen anzusprechen macht den Beitrag lesenswert. Dass er für seinen mutigen Aufsatz Kritik einstecken wird, ist vorhersehbar.

Dogmatisch ist sein Ansatz interessant, aus der Berufsethik sehr konkrete Schranken für die Verteidigungsmöglichkeiten herzuleiten. Er ist bemüht die Praxis nicht im Stich lassen und gibt konkrete Parameter an die Hand, ab wann von der Schuld des Mandanten auszugehen ist.

Hier liegt aber gerade das Problem. Letztlich soll doch der Strafprozess die Schuld des Angeklagten klären. Bis zur Verurteilung gilt der Grundsatz in dubio pro reo. Soll der Strafverteidiger wirklich aufgrund einer nicht ausermittelten Faktenlage ein eigenes Urteil über den Mandanten fällen? Was wenn der eigene Verteidiger, der Interessenvertreter des Mandanten ist, fälschlich die Schuld des eigenen Mandanten annimmt und deswegen seine Möglichkeiten zur effektiven Strafverteidigung bewusst nicht voll ausnutzt? Natürlich ist Tanovich dieses Problem nicht entgangen. Ich möchte an dieser Stelle aber nicht alles vorwegnehmen, denn der Aufsatz ist wirklich lesenswert. Nur so viel: Seine Antwort hat mich nicht ganz überzeugt.

Daher gehe ich davon aus, dass die Lösungsvorschläge des Autors zwar zur Diskussion maßgeblich beitragen werden. Aber eine Umsetzung in die Praxis erscheint mir schwer.

Wie ist die Lage in Deutschland?

Nun wissen wir also wie die Lage in Kanada ist.

Zum Schluss stellt sich aber natürlich eine offensichtliche Frage: Wie ist die Lage in Deutschland? Inwiefern sind oben beschriebene Verteidigungstaktiken auch hier im Einsatz? Kommentare ausdrücklich erwünscht.


  1. Erschienen im Ottawa Law Review, Vol. 45, No. 3, 2015, abrufbar über SSRN

  2. Tanovich schreibt in seinem Artikel über “sexual assault”, eine Straftat nach section 271 des kanadischen Criminal Code. Da mir eine absolut deckungsgleicher deutscher Begriff nicht bekannt ist, habe ich es vorgezogen von “Sexualstraftat” oder “Sexualdelikt” zu sprechen. Insbesondere sind sexuelle Nötigung, sexueller Missbrauch und Vergewaltigung gemeint.

  3. Tanovich, a.a.O., Seite 505

  4. Tanovich, a.a.O., Seite 524