Jahrzehnte nach dem Prozess gegen einen Serienmörder bezichtigt eine Zeugin den Staatsanwalt der Vergewaltigung

Richard Roberts ist angesichts der schweren Vorwürfe von seinem Richteramt zurückgetreten. Offizielle Begründung: gesundheitliche Probleme.

Richard Roberts ist angesichts der schweren Vorwürfe von seinem Richteramt zurückgetreten. Offizielle Begründung: gesundheitliche Probleme.

Ein Prozess gegen einen Serienmörder, der Hitler und Goebbels verehrte. Ein Schadensersatzprozess von 25 Millionen US-Dollar. Der Vorwurf der Vergewaltigung gegen einen Staatsanwalt. Aus diesen Zutaten besteht der Fall von Richter Richard Roberts.

Zeugin im Prozess gegen einen rassistischen Serienkiller

Die 16-Jährige musste miterleben, wie ihre Freunde erschossen wurden

Terry Elrod war 16 Jahre alt, als sie als Zeugin gegen Joseph Paul Franklin aussagte. Er erschoss zwei ihrer Freunde in Salt Lake City. Sein Motiv: Rassismus. Seine Idole: Nazi-Größen. Franklin beging im Laufe seines Lebens mehr als 20 Morde. Meist waren seine Opfer Afro-Amerikaner.

Richard Robberts betritt die Bühne

Befragt wurde die junge Terry Elrod während dem Strafprozess gegen Franklin von Richard Warren Roberts. Der junge, gut aussehende Staatsanwalt war seinerzeit 27 Jahre alt. Auch aufgrund der Aussage von Elrod konnte Franklin verurteilt werden.

Schweigen im Walde

Danach trennten sich die Wege. Franklin wanderte ins Gefängnis. Er wurde Jahrzehnte später, am 20. November 2013, hingerichtet. Terry Elrod wurde eine Künstlerin und heißt mittlerweile Terry Mitchell. Und Roberts machte eine steile Karriere in der Justiz, wurde einer der mächtigsten Juristen im Lande und “chief judge” des US District Court for the District of Columbia.

Jahrzehntelang hörten Roberts und Terry Mitchell, aka Terry Elrod, nichts voneinander. Bis sich Roberts anlässlich der Hinrichtung von Franklin bei Mitchell per E-Mail meldete. Dies öffnete bei Mitchell alte Wunden. Sie entschloss sich, auszupacken.

Schadensersatzklage verursacht mittelschweres Erdbeben in Washington

Danach nahmen die Dinge ihren Lauf und die amerikanische Justiz wurde bis ins Mark erschüttert, als Mitchell vor wenigen Tagen Roberts auf 25 Millionen US-Dollar Schadensersatz verklagte. Der ungeheuerliche Vorwurf: Der ehemalige Staatsanwalt habe sie während des Prozesses, vor 35 Jahren, mehrfach vergewaltigt.

Roberts habe die aus schwierigen Verhältnissen kommende Mitchell eingeschüchtert und bedroht, ihr sogar angekündigt: Wenn Du auspackst, platzt der Strafprozess gegen Franklin.

Roberts behauptet einen einvernehmlichen intimen Kontakt

Roberts hat sich noch nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäußert. Er lässt durch seine Anwälte entgegnen, dass er eine intime Beziehung zu Mitchell gepflegt habe. Diese sei aber einvernehmlich gewesen.

Roberts zog bereits Konsequenzen: Er trat von seinem Richterposten zurück. Begründung: nicht näher spezifizierte Gesundheitsprobleme.

Joseph Paul Franklin hat die Morde an mehr als 20 Menschen gestanden. Er wurde im November 2013 hingerichtet.

Joseph Paul Franklin hat die Morde an mehr als 20 Menschen gestanden. Er wurde im November 2013 hingerichtet.

Strafbarer Sex mit einer Minderjährigen?

Statutory Rape

Dass ein sexueller Kontakt zu Mitchell unangemessen war, keine Frage. Selbst wenn es sich um eine einvernehmliche Beziehung handelte, wie Roberts behauptet: Konnte Mitchell überhaupt wirksam einwilligen?

Im Raum stand ein Fall von “statutory rape”. Also von strafbarem Sex mit einer minderjährigen bzw. nicht sexualmündigen Person. Durchaus nicht abwegig. Denn im Bundesstaat Utah ist das sogenannte Schutzalter aktuell bei 18 Jahren.

Aber: Mitchell wäre alt genug gewesen

Mitchell war damals erst 16. Aber: zum Zeitpunkt des Prozesses konnten 16-Jährige in Utah noch wirksam in sexuelle Handlungen einwilligen. Das Gesetz wurde erst später verschärft. Mitchell war damals alt genug. Daher kein Fall von “statutory rape”.

Folgen Anklage und Strafprozess?

Der Fall liegt extrem lange zurück. Es steht Aussage gegen Aussage. Auch im Übrigen scheint die Beweislage scheint schwierig zu sein. Muss Roberts dennoch befürchten, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn Anklage erhebt?

In einem Untersuchungsbericht zu dem Fall heißt es zu dieser Frage recht merkwürdig:

“In einem gewissen Sinne könnte man theoretisch vertreten, dass die Ereignisse [...] die Voraussetzungen des Vergewaltigungstatbestandes erfüllen - wenn man die Beweise in einem für die Staatsanwaltschaft höchst günstigen Licht betrachtet.”

Jedoch, so heißt es weiter, sei es realistisch gesehen unmöglich, Roberts strafrechtlich zu belangen.

In jedem Fall eine Verletzung des Berufsethos

Selbst wenn die Version von Roberts stimmen sollte: Er verletzte mehrere Regeln aus dem Bereich der Berufsethik. Eine sexuelle Beziehung zwischen Staatsanwalt und Zeugin geht gar nicht.