Skandal um Hausdurchsuchung bei Eintracht-Profi Marco Russ

In Anlehnung an das Vereinswappen werden die Eintracht-Spieler auch als Frankfurter "Adler" bezeichnet.

In Anlehnung an das Vereinswappen werden die Eintracht-Spieler auch als Frankfurter "Adler" bezeichnet.

Es war eine große Erleichterung für die Fans. Der Eintracht-Kapitän und Stammspieler Marco Russ konnte trotz seines Tumors im Relegationsspiel gegen Nürnberg auflaufen. Das kündigte eine seltsame Pressemeldung der Frankfurter Eintracht vor dem Spiel an. In dieser war sogar von einem auffälligen Dopingtest die Rede.

Die “Sportgemeinde Eintracht” (SGE) sah sich zu der Erklärung gezwungen da der Verein verhindern wollte, dass zur Unzeit Dopinggerüchte die Runde machen. Dies wäre unvermeidbar gewesen, da die Staatsanwaltschaft kurz zuvor bei dem Spieler eine Durchsuchung wegen des Dopingverdachts durchführte. Ein gefundenes Fressen für die Medien. Mit der Presseerklärung wollte man lieber selbst in die Offensive gehen. Nicht ganz freiwillig.

Der festgestellte Tumor entkräftet übrigens den Anfangsverdacht des Selbstdopings. War die Durchsuchung daher unverhältnismäßig? Der Ärger bei der Eintracht ist jedenfalls groß. Fans und Vereinsführung sind sauer.

Dass der SGE-Spieler im Abstiegskampf zu einer tragischen Figur werden würde konnte niemand ahnen. Russ schoss ein Eigentor und ist für das Rückspiel gesperrt.

Was lief genau ab?

Hausdurchsuchung kurz vor dem wichtigsten Spiel der Saison

Am Mittwochabend, kurz vor dem für die Eintracht immens wichtigen Relegationsspiel am Donnerstag, wurde das Hotelzimmer von Russ auf Anordnung der Staatsanwaltschaft durchsucht. Damit begnügte man sich aber nicht. Sein Spind auf dem Trainingsgelände und seine Privatwohnung wurden ebenfalls auf den Kopf gestellt.

Hintergrund: Die Strafverfolgungsbehörde wurde von der NADA (Nationale Anti Doping Agentur) darüber in Kenntnis gesetzt, dass bei einer Urinprobe von Reuss das Dopingmittel HCG nachgewiesen wurde.

Verdacht einer Straftat nach dem Anti-Doping-Gesetz

Wer jetzt innehält und sich fragt: “Wieso Hausdurchsuchung? Wir reden doch nur von Dopingverdacht, allenfalls bekäme der Mann eine Sperre” der liegt falsch.

Denn es bestand der Verdacht einer Straftat. Genau genommen wurde ein Fall von Selbstdoping vermutet. Das ist neuerdings strafbar nach dem Anti-Doping-Gesetz (AntiDopG). Dieses ist seit Dezember 2015 in Kraft.

Urologe weist Tumor nach

Die NADA wies selbst darauf hin, dass der erhöhte HCG-Wert aber auch auf einen Tumor zurückzuführen sein könnte. Ein Arzt untersuchte daraufhin Russ und stellte eine Tumorerkrankung fest. Also kein Fall von Doping!

Allerdings erfuhr dies die Staatsanwaltschaft erst am Donnerstag davon. Einen Tag nach der Hausdurchsuchung.

Eintracht sieht sich zu Presseerklärung genötigt

Die Eintracht hatte nach den Geschehnissen die nicht unberechtigte Sorge, dass dennoch Dopinggerüchte um ihren Kapitän aufkommen könnten. Solche Spekulationen könnten den Fokus der Spieler auf den Abstiegskampf gefährden. Daher reagierte sie mit einer Mitteilung auf der eigenen Webseite, dass bei Russ ein Tumor gefunden wurde:

“Eine umgehend von unserem Internisten eingeleitete Untersuchung, bei einem urologischen Facharzt, hat am späten Nachmittag  einen fachärztlichen Befund einer schweren Tumorerkrankung ergeben, die die erhöhten Werte erklärt. Dieser Befund wurde noch am Abend durch die sofort eingeleitete Blutuntersuchungen von einem biochemischen Institut leider bestätigt.”

War die Durchsuchung unverhältnismäßig? Der Ärger ist riesig.

Ein Skandal ist jedenfalls, dass der Kapitän der “SGE” auf diese Weise geoutet wurde (bzw. werden musste). Denn die eigene Gesundheit geht nun wirklich keinen etwas an. Schon gar nicht so im Detail, wie es hier verlautbart wurde. Aber aus Eintracht-Sicht ließen sich die Dopinggerüchte anders nicht mehr bremsen. Es blieb nur noch der Weg an die Öffentlichkeit.

Geschah die Durchsuchung vorschnell? War sie unverhältnismäßig? Darüber kann nur spekuliert werden.

Hinterher ist man immer schlauer. Der Anfangsverdacht von Selbstdoping bestand jedenfalls. Und es ist gut denkbar, dass die Staatsanwaltschaft zu Recht befürchtete, dass der vermeintliche Dopingsünder etwaige Beweismittel verschwinden lassen könnte.

Dass der Fußballer nicht gedopt war sondern schwer erkrankt wusste man bei der Behörde noch nicht. Die Möglichkeit einer solchen alternativen Erklärung war natürlich dennoch in Betracht zu ziehen. Es wäre nicht der erste derartige Fall. Auch Zehnkämpfer Van Der Plaetsen wurde erst für einen HCG-Dopingsünder gehalten. Tatsächlich hatte er aber Hodenkrebs, wie sich im Nachhinein herausstellte. Andererseits: Konnte man wirklich erst einen Arztbesuch abwarten, wenn eine Verunkelungsgefahr im Raum stand?

Der Eintracht-Präsident Fischer kündigte jedenfalls schon stinksauer im Radio an: “Ich werde den Vorstand dazu aufrufen, das nach allen Seiten juristisch zu prüfen.”

Nach dem 1:1 im Relegations-Hinspiel der Frankfurter gegen die Nürnberg regt sich Eintracht-Coach Niko Kovac mächtig auf über das Vorgehen im Fall des erkrankten Marco Russ.

Was ist HCG und wieso steht es auf der Dopingliste?

Schwangerschaftshormon mit sperriger Fachbezeichnung

HCG ist ein sogenanntes Peptidhormon. Die Abkürzung HCG steht für den äußerst einprägsamen Begriff Human Chorionic Gonadotropin. Kein Wunder, dass sich stattdessen die Abkürzung durchgesetzt hat. Es wird auch als CG bezeichnet, was für Choriongonadotropin steht.

Es ist auch als “Schwangerschaftshormon” bekannt. Denn bei der schwangeren Frau wird es in der Plazenta gebildet um die Schwangerschaft zu unterstützen. Übrigens ist es auch genau dieses Hormon, welches der Schwangerschaftstest im Urin der Frau nachweist.

Was hat das mit Doping zu tun?

Für Doping wird HCG dadurch interessant, dass das Hormon bei Männern - anders als bei Frauen - die körpereigene Bildung (Biosynthese) von Testosteron anregt. Diese anabole Wirkung ist es, auf die Dopingsünder es abgesehen haben. Es weist zudem eine große Ähnlichkeit mit einem anderen Hormon aufweist, dem LH (luteinisierendes Hormon).

Diese Wirkung speziell bei Männern hat übrigens dazu geführt, dass die HCG-Zufuhr nur bei Männern, nicht aber bei Frauen verboten ist.

Eine Dopinganalyse kann HCG sehr zuverlässig im Urin nachweisen. Daher die Urinprobe (“Pinkelprobe”) im Rahmen eines Dopingtests. Das HCG-Doping gilt daher als Steinzeitmethode unter Dopingsündern. Es gibt inzwischen bessere Alternativen welche schwerer zu entlarven sind.

Erhöhter HCG-Wert kann auch auf Hodenkrebs hindeuten

Ein erhöhter HCG-Wert kann auch ein Hinweis auf einen Hodentumor sein. Man spricht daher auch von einem sogenannten Tumormarker. So wurde die positive Dopingprobe für Russ möglicherweise die große Rettung.

Leider soll es auch Fälle geben, in denen nach einer positiven Dopingprobe ein Tumor mit Hilfe eines ärztlichen Attests nur vorgeschoben wird. Auf diese Weise kann der Anfangsverdacht des Dopings mit einem entsprechenden pathologischen Befund ausgeräumt werden. Man muss sich angeblich nur ein passendes Attest besorgen. Mehr dazu in dem (etwas angestaubten) FAZ-Artikel “Hodenkrebs als Ausweg?”.

Zusammenfassung

Der Eintracht-Spieler Marco Russ ist an einem Tumor erkrankt. Das erfuhr die Staatsanwaltschaft aber erst zu spät, nachdem bereits eine Hausdurchsuchung durchgeführt wurde. Aus Sicht des Vereins ein Skandal. Es liegen aber nicht genügend Informationen über den Fall vor um die Verhältnismäßigkeit der Durchsuchung zutreffend beurteilen zu können. Es ist gut möglich, dass die Anordnung der Durchsuchung rechtlich einwandfrei war.