Künstliche Intelligenz revolutioniert Rechtsberatung

Werden Juristen bald durch Computer ersetzt?

Werden Juristen bald durch Computer ersetzt?

Nemesis“ nennt man einen Erzrivalen, Todfeind oder Todbringer. Ein solcher könnte für Rechtsanwälte die künstliche Intelligenz sein.

Technische Innovationen machen vor keiner Berufsgruppe halt. Martin Ford, Softwareentwickler und Autor des Bestsellers “Rise of the Robots: Technology and the Threat of a Jobless Future”, malt daher für große Teile der Bevölkerung ein düsteres Bild. Er sieht eine Zukunft der massenhaften Beschäftigungslosigkeit voraus.

Werden in Zukunft wirklich Rechtsanwälte durch Computer ersetzt?

“By far the greatest danger of Artificial Intelligence is that people conclude too early that they understand it.” (Eliezer Yudkowsky, Forscher auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz)

Ist IBMs Watson der gefürchtete Todbringer der Juristen?

Was ist Watson?

Watson ist ein von IBM entwickeltes Computerprogramm. Es soll unter Einsatz künstlicher Intelligenz Antworten auf Fragen geben. Die Fragen werden in natürlicher Sprache eingegeben und Antworten unter Rückgriff auf Datenbanken gefunden und innerhalb kürzester Zeit ausgegeben.

Man kann vereinfacht sagen: Watson ist wie Apples Siri auf Anabolika. - Als Tweet senden!

Artificial intelligence is about “making a machine behave in ways that would be called intelligent if a human were so behaving” (John McCarthy, verstorbener Professor für kognitive Informatik der Stanford University)

Triumph in “Jeopardy!”

In der amerikanischen Quizshow “Jeopardy!” besiegte Watson im Jahr 2011 zwei der besten Kandidaten, die die Sendung bisher zu bieten hatte.

Die TV-Show ist charakterisiert durch sehr komplexe Aufgaben, die als Antwort gestellt werden. Der Kandidat muss die Aufgabe in Sekundenschnelle dadurch lösen, dass er die passende Frage zur vorgegebenen Antwort findet.

Watson griff bei seinem Siegeszug auf eine mit Wörterbüchern, Enzyklopädien etc. gefütterte Datenbank zurück, ohne an das Internet angeschlossen zu sein.

Das Potential von Watson ist immens

Die Anwendungsbereiche für Watson sind endlos. Medizin, Geldanlage oder eben die Juristerei sind nur Beispiele. Dementsprechend benötigt IBM Partnerunternehmen, die Applikationen im Watson Ökosystem entwickeln.

IBM hat die Software “Watson” getauft, um damit dem ersten Firmenchef Thomas John Watson Sr. zu gedenken. Dies kommt in etwa dem Fall gleich, dass der AC Mailand die Trikotnummer 3 erneut an einen Spieler vergibt (diese trug zuletzt die Fußballlegende Paolo Maldini). Es unterstreicht, wie viel Potential der Konzern in dem Programm sieht.

Wird Watson also zur Nemesis der Anwälte und diese letztlich ersetzen, ähnlich wie es Martin Ford vorhersagt?

Watson wird die Zukunft kognitiver Systeme verändern. Das zeigte IBM eindrucksvoll bei der Jeopardy! Challenge.

Zukunft der Rechtsberatung

Der Kernbereich der Rechtsberatung wird Juristen auf absehbare Zeit nicht genommen werden

“Vermutlich wird das, was wir heute als anwaltliche Arbeit verstehen, befreit werden von den Tätigkeiten, die zwar derzeit von Anwälten erledigt werden, aber mit anwaltlicher Arbeit nichts zu tun haben.” (Markus Hartung in Legal Tribune Online)

Was will uns Markus Hartung, Rechtsanwalt und Direktor des Center on the Legal Profession der Bucerius Law School, damit sagen?

Der eigentliche Kern - die “Essenz” - der anwaltlichen Tätigkeit wird den Anwälten auch in Zukunft verbleiben. Innovation wie Watson zum Trotz. Hierunter versteht Hartung die “emphatische wertsteigernde Intelligenz”, die sich nicht durch Computerprogramme ersetzen lässt.

Was wird sich ändern?

Einen Blick in die Glaskugel haben auch Paul Lippe und Daniel Martin Katz im Journal der amerikanischen Bar Association (ABA Journal) gewagt. Sie machen zehn Prophezeiungen, wie sich die Rechtsberatung durch Watson verändern wird. Die wichtigsten möchte ich hier aufführen:

  • Watson wird die Art und Weise wie Jura gelehrt wird verändern

  • Komplexe Rechtsgebiete werden leichter handhabbar, was die Rechtsberatung günstiger machen wird

  • Jüngere Juristen, die sich mit der neuen Technologie schnell anfreunden, werden es leichter haben

  • Juristische Informationen und Daten werden besser organisiert werden

  • Informationen werden künftig von Anfang an Watson-freundlich aufbereitet

  • Anwälte werden nicht ersetzt werden

  • Jura wird zugänglicher und transparenter werden

“Legal selfdiagnosis, facilitated by AI, is likely to be more readily available. However, it will never be a complete replacement for solicitors.” Jonathan Smithers, Präsident der UK Law Society

Was sagt IBM zu Watsons Rolle in der Juristerei?

IBM hat sich ROSS Intelligence als Partner für den Rechtsberatungsmarkt ausgesucht. ROSS und IBM sehen Verbesserungspotential bei juristischen Recherchen.

Veränderung der Recherche

Bei herkömmlichen Datenbanken werden Schlagworte (Keywords) in die Suchmaske eingegeben. Ausgehend von den Treffern muss der Rechtsanwender noch einen erheblichen weiteren Aufwand betreiben, um daraus die richtige Antwort auf eine rechtliche Fragestellung herzuleiten.

Watson soll hingegen Fragen in natürlichem Sprachgebrauch ermöglichen. Zum Beispiel könnte direkt die Frage “Hat ein Geschäftsführer eine Vermögensbetreuungspflicht?” bei Watson eingegeben werden. Der Computer gibt dann die korrekte Antwort einschließlich Fundstelle aus - innerhalb von Sekunden.

Eine althergebrachte Recherche bei Juris oder Beck Online würde dagegen die Begriffe “Geschäftsführer” und “Vermögensbetreuungspflicht” in die Suchmaske der Datenbank einspeisen. Aus den Suchergebnissen müssten zunächst relevante Fundstellen vom Anwender herausgefiltert werden. In diesen wäre dann die Antwort (selbst) zu suchen.

Potential für Kosteneinsparungen

ROSS legt den Finger in die Wunde der großen Wirtschaftskanzleien und sieht Watson als Möglichkeit zur Kosteneinsparung. Die Sozietäten lassen hochbezahlte, junge Anwälte (Associates) mit Jahresgehältern jenseits der 100.000 Euro juristische Recherchen durchführen. Mandanten gehen aber zunehmend auf die Barrikaden wenn es darum geht, die hohen Stundensätze hierfür einzutreiben. Wer zahlt schon gerne 200-400 Euro die Stunde für das Recherchieren einer Rechtsfrage?

Dieses Problem vieler Kanzleien hat immerhin schon dafür gesorgt, dass einfachere juristische Tätigkeiten nach Indien ausgelagert werden. Dort geben indische Anwälte die Wasserträger und machen so manchen Associate überflüssig.

“Problem is, corporate clients have become increasingly cost-conscious about their legal bills, refusing to pay for the hours spent on research, even as those hours soar. At the same time, individual clients are often barred from accessing legal services to begin with, due to the high price point. Bottom line: for law firms to stay competitive, they must start cutting costs. That means finding ways to make processes like research more efficient.” (IBM-Blog)

Will IBM mit Watson Anwälte ersetzen?

Geht es nach IBM und ROSS, lautet die Antwort “nein”:

“Which is not to say that ROSS will be replacing lawyers. Weighing data, drafting documents and making arguments—those will still be left to the humans. But by tackling the burdensome task of research, ROSS frees up lawyers to do what they do best” (IBM-Blog)

Hier schließt sich meines Erachtens der Kreis zu den Prognosen von Experten wie Markus Hartung. Der Konsens ist, dass Anwälte durch künstliche Intelligenz nicht etwa überflüssig werden. Allerdings wird sich die Art und Weise wie Anwälte ihr Geld verdienen (können) drastisch verändern. Vorbei sind bald die Zeiten, zu denen man dem Mandanten stundenlange, einfache Recherchen überbraten konnte. Und sind wir doch einmal ehrlich: Ist es wirklich das Durchforsten von Datenbanken, das die Mandanten zu schätzen wissen und zufrieden stellt?

Die Technologieexperten und Visionäre Richard und Daniel Susskind zur Zukunft der Berufe

Fazit

Die Ausgangsfrage war, ob in Zukunft tatsächlich Anwälte durch Computer ersetzt werden. Das ist nicht absehbar, darin sind sich viele renommierte Kenner des Marktes einig.

Der größte Innovationsmotor in naher Zukunft dürfte die von IBM entwickelte Plattform namens “Watson” sein. Diese will Juristen gar nicht ersetzen, strebt aber nichts Geringeres als eine elementare Veränderung der anwaltlichen Tätigkeit an. Vielleicht ist es gerade diese Zurückbesinnung auf den Kern der Jurisprudenz, die dringend von Nöten ist.