Eine andere Welt: Die Bestrafung von illegalen Autorennen in den USA

Wer sich in Illinois zu einer Nachahmung von "the fast and the furious" hinreißen lässt, riskiert eine langjährige Haftstrafe.

Wer sich in Illinois zu einer Nachahmung von "the fast and the furious" hinreißen lässt, riskiert eine langjährige Haftstrafe.

In Illinois erwartet einen jungen Mann eine Freiheitsstrafe von bis zu 12 Jahren, weil er für einen tödlichen Autounfall verantwortlich sein soll. Laut Anklage geschah der tödliche Unfall während eines illegalen Straßenrennens (streetracing). Den Fall der nun von einem Gericht in Illinois entschieden wird, nehme ich zum Anlass die Rechtslage dort kurz in einem Überblick darzustellen.1

Geht die Justiz in Deutschland zu lasch mit Rasern um?

Das Bauchgefühl sagt “ja”

Der Einblick in die Gesetzeslage eines US-Bundesstaats ist relevant und interessant, da hierzulande angesichts der tödlichen Autorennen in Deutschland der Eindruck vorherrscht, dass Raser zu glimpflich davonkommen. Ist dieser Vorwurf, der mal mehr, mal weniger direkt geäußert wird, berechtigt?

Wurde beispielsweise der Kölner, der für den Tod einer Radfahrerin verantwortlich ist, mit einer Freiheitsstrafe von weniger als 3 Jahren zu Unrecht “geschont”?

Faktencheck Schweiz

Im Hinblick auf die Schweiz habe ich bereits in anderen Artikeln nachgewiesen, dass dieses Bauchgefühl nicht täuscht. Dort wird tendenziell wesentlich härter gegen Raser und illegale Autorennen vorgegangen.

Zum einen schrecken Staatsanwälte und Gerichte nicht davor zurück, einem Raser Tötungsvorsatz zur Last zu legen, wenn bei einem illegalen Autorennen Menschen ums Leben kommen. Das habe ich in meinem umfangreichen Beitrag über das Autorennen am Ku’Damm nachgewiesen. Ein erschütterndes Beispiel aus der Schweiz liefert der Strafprozess gegen die Täuffelen-Raser. Totschlag kam hier heraus.

Zum anderen hat der schweizerische Gesetzgeber auf die Besorgnis der Bevölkerung reagiert und ein Gesetzespaket geschnürt, welches rigoros gegen Raser vorgeht. Darüber hat Frau Dr. Godenzi, eine Dozentin der Uni Zürich und Expertin des schweizerischen Strafrechts, im Strafjorunal berichtet.

Was ist aber mit den USA? Schauen wir uns doch einmal den Fall um das Autorennen in Illinois an, der nun Gegenstand eines Strafverfahrens ist.

Familienvater wird bei Autorennen in Illinois getötet

Am 4. Dezember 2015 gab es in Will County, einem “Landkreis” im US-Bundesstaat Illinois, einen tödlichen Unfall bei dem der 49-jährige Charles Siebel getötet und seine 15 Jahre alte Tochter verletzt wurde.

Was genau geschah steht noch nicht mit Gewissheit fest. Die Anklage ist aufgrund der Unfallrekonstruktion der Ansicht, dass der 20-jährige Jeffrey A. Bledsoe innerorts mit bis zu 100 mph in einer 35 mph-Zone unterwegs war. Das entspricht 160 km/h in einer 56-km/h-Zone.

Ebenfalls auf der Straße war ein namentlich nicht bekannter 16-jähriger Widersacher mit hoher Geschwindigkeit unterwegs, der sich laut Anklage mit Bledsoe ein Rennen lieferte.

Unmittelbar verursacht wurde der tödliche Crash von dem Teenager, der in den Toyota Highlander von Siebel raste. Deshalb ist der Strafverteidiger von Bledsoe der Ansicht, dass sein Mandant nichts mit Siebels Tod zu tun habe. Die Staatsanwaltschaft glaubt hingegen, dass Bledsoe durch ein riskantes Fahrmanöver seinem Kontrahenten die Spur versperrte und ihn dadurch in die tödliche Kollision zwang. Sollte dies stimmen, wäre Bledsoe das Geschehen zurechenbar.

Der zuständige Richter Daniel Rozak setzte die Kaution auf 100.000 US-Dollar fest. Sie soll von Bledsoes Familie erbracht worden sein.

Diskutierte Delikte und Strafandrohung im Illinois-Fall

Vorwurf der Anklage

Die Anklage legt Bledsoe folgende Delikte zur Last:

  • reckless homicide (”mit bewusster Fahrlässigkeit begangene Tötung”)

  • aggravated street racing (”besonders schwerer Fall eines Autorennens”)

  • aggravated speeding (”besonders schwerer Fall von Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit”)

  • reckless driving (”rücksichtsloses Fahren”)

Die Übersetzungen stammen aus eigener Feder. Vieles lässt sich nicht 1:1 übersetzen, da es mitunter keine exakte Entsprechung im deutschen Recht gibt.

Strafandrohung

Spannend wird es bei der Strafandrohung. Im Fall dass Bledsoe wegen “aggravated street racing” verurteilt wird, kommt laut Gesetz des Bundesstaates Illinois folgendes Strafmaß in Betracht: Freiheitsstrafe zwischen einem und zwölf Jahren. Das muss man sich schon einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Hintergrund ist, dass der Vorwurf eines besonders schweren Falles eines Straßenrennens im Raum steht. Grund: Durch die Teilnahme am Rennen wurde ein Unfall verursacht und eine andere Person erlitt schwere körperliche Schäden.

Übrigens: Wäre keiner zu Schaden gekommen, wäre die zu erwartende Strafe insofern allerdings deutlich geringer und auf deutschem Niveau: eine relativ bescheidene Geldstrafe und evtl. der “Lappen weg”.

Den Gesetzestext finden Sie hier.

Definition des Autorennens

Interessant ist übrigens auch die Definition eines Autorennens (engl.: street racing) im Strafgesetzbuch von Illinois. Dieses wird anhand von sechs Szenarien umschrieben, die typisch für ein Autorennen sind. Das sieht so aus:

“Street racing” means:

(1) The operation of 2 or more vehicles from a point side by side at accelerating speeds in a competitive attempt to outdistance each other; or

(2) The operation of one or more vehicles over a common selected course, each starting at the same point, for the purpose of comparing the relative speeds or power of acceleration of such vehicle or vehicles within a certain distance or time limit; or

(3) The use of one or more vehicles in an attempt to outgain or outdistance another vehicle; or

(4) The use of one or more vehicles to prevent another vehicle from passing; or

(5) The use of one or more vehicles to arrive at a given destination ahead of another vehicle or vehicles; or

(6) The use of one or more vehicles to test the physical stamina or endurance of drivers over longdistance driving routes.

Als Autorennen werden demnach unter anderem angesehen:

  • zwei oder mehr Fahrzeuge beschleunigen in einem Wettbewerb

  • ein oder mehr Fahrzeuge fahren eine festgelegte Strecke ab um die benötigte Zeit zu ermitteln

  • der Einsatz eines Fahrzeugs um ein anderes am Vorbeiziehen zu hindern

Fazit

Der Fall des Autorennens im US-Bundesstaat Illinois zeigt, dass Deutschland nicht nur im Vergleich mit der Schweiz, sondern auch mit den USA hinterherhinkt was den Kampf gegen Raser und insbesondere illegale Autorennen anbelangt. Zur Erinnerung: In Deutschland ist die bloße Teilnahme an einem illegalen Autorennen überhaupt nicht strafbar! (Stand Juli 2016, eine Änderung ist für die Zukunft in Aussicht.)


  1. Der Titel ist insofern ein wenig irreführend, als dieser Beitrag nicht den Anspruch erhebt die Rechtslage in den USA in ihrer Gesamtheit darzustellen. Das wäre aufgrund der einzelstaatlichen Gesetzesunterschiede allerdings auch ein wahrhaftes Mammutprojekt für das Strafjournal.