Verbohrte Hebamme wegen Tötung durch Unterlassen verurteilt

Die Hebamme pochte um jeden Preis auf eine Hausgeburt. Der Bundesgerichtshof bestätigte die Verurteilung wegen Tötung durch Unterlassen.

Die Hebamme pochte um jeden Preis auf eine Hausgeburt. Der Bundesgerichtshof bestätigte die Verurteilung wegen Tötung durch Unterlassen.

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat die Verurteilung einer Hebamme wegen Totschlags durch Unterlassen (§§ 212, 13 Strafgesetzbuch (StGB)) bestätigt.1 Die 62-jährige Geburtshelferin wurde vom Landgericht (LG) Dortmund2 zu einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren und 9 Monaten verurteilt. Außerdem wurde gegen sie ein lebenslanges Berufsverbot verhängt.

Die Hebamme und approbierte Ärztin ist eine Verfechterin natürlicher Geburten und versäumte es trotz Komplikationen während der Geburt und der vorliegenden Beckenendlage, eine Verlegung in eine Klinik zu veranlassen. Stattdessen pochte sie auf die Fortsetzung der Hausgeburt. Das Kind starb an Sauerstoffmangel.

Ein paar Fakten aus dem Urteil der Vorinstanz

Die Angeklagte besaß eine ideologisierte Einstellung und litt an Selbstüberschätzung

Das LG Dortmund stellte schonungslos fest, wie verbohrt und rücksichtslos die Angeklagte offenbar um jeden Preis ihre verqueren Überzeugungen durchsetzen wollte:

“Die Angeklagte [...] vertritt eine ideologisierte und selbstüberzeugte Einstellung, die auch unter der Inkaufnahme von lebensbedrohlichen Risiken für Mutter und Kind die Durchführung von Hausgeburten präferiert. Die Überzeugung, die Geburt eines Kindes sei als natürlicher biologischer Vorgang ein prinzipiell selbstinduzierender, selbstregulierender und selbsterhaltender Prozess mit vielen weitgehend unbekannten Kompensationsmechanismen und bedürfe zunächst grundsätzlich keiner medizinischen und hochtechnisierten Überwachung, hat sich bei der Angeklagten – wie dargelegt, zumindest in den letzten Jahren – zu der ideologischen Sichtweise verfestigt, dass eine Hausgeburt als natürliche Geburt auch bei schwierigen Geburtssituationen gegenüber einer Entbindung in einer Klinik vorzugswürdig sei, wobei selbst beim Auftreten von Komplikationen mit medizinisch gebotener Einweisung in eine Klinik unter der Inkaufnahme von Risiken für das Leben und die Gesundheit der Mutter und des ungeborenen Kindes der Geburtsvorgang in dem sogenannten natürlichen Rahmen fortgesetzt wird.” (Hervorhebungen durch Strafjournal.com)

Ein wenig später das Resümee des Gerichts:

“Bei diesen Beurteilungen der Angeklagten handelt es sich um fatale Fehleinschätzungen, und mit den von ihr vertretenen ideologisierten und selbstüberschätzenden Ansichten und dem von ihr verfolgten Entbindungskonzept steht die Angeklagte nicht nur im Widerspruch zu den – ihr insgesamt bekannten – medizinischen Standards der Geburtshilfe, sondern auch zu sämtlichen berufsrechtlichen Vorschriften und den zwischen Medizinern und Geburtshelfern und von der Hebammenschaft zur Sicherung der Geburtshilfe entwickelten Leitlinien und Empfehlungen” (Hervorhebungen durch Strafjournal.com)

Tötung durch Unterlassen

Die angeklagte Hebamme hatte es unterlassen, trotz des Geburtsstillstandes und der Gefahr einer akuten Sauerstoffunterversorgung des Kindes eine Verlegung in eine Klinik zu veranlassen. Hierzu war sie aber verpflichtet: Aufgrund der von ihre übernommenen Betreuung der Geburt sah das Landgericht eine Rechtspflicht zum Handeln (sog. Garantenpflicht) als gegeben. Auf eine etwaige Garantenstellung aufgrund des Behandlungsvertrages kam es deshalb nicht mehr an.

Die rechtzeitige Verlegung hätte nach Auffassung des Gerichts den Tod des Kindes verhindert. In der Klinik hätte die Möglichkeit des Notkaiserschnitts bestanden. Der (bedingte) Tötungsvorsatz wurde ebenfalls bejaht.

Strafzumessung

In der Strafzumessung wurde zu Lasten der Hebamme unter anderem berücksichtigt:

  • schwere psychische und physische Belastungen für die Eltern, Traumatisierung

  • Aktives Hinwirken der Dame darauf, keine Klinik aufzusuchen

  • dadurch hat sie verhindert, dass die Eltern die Gefahr für die Gesundheit und das Leben ihres ungeborenen Kindes erkennen konnten

  • sie hat im Nachhinein sogar noch versucht, in “unredlicher und unzulässiger Weise auf die traumatisierten Eltern einzuwirken”, mit dem Ziel von der Haftung freigezeichnet zu werden um zu verhindern, dass sie rechtlich belangt wird

Was ist eine Beckenendlage?

Häufigkeit liegt bei 3-5% der ausgetragenen Schwangerschaften

Die Beckenendlage (BEL) des Kindes ist eine Komplikation bei der Geburt, die zu Problemen führen kann. Während normalerweise das Kind im Bauch der Mutter vor der Geburt mit dem Kopf nach unten liegen sollte, ist die bei der Beckenendlage umgekehrt: Das Beckenende des Babys schaut nach unten. Das bedeutet, dass der Steiß bzw. die Beine des Kindes bei der Geburt zuerst das Licht der Welt erblicken.

Die Beckenendlage ist zwar wie gesagt eine Abweichung von der Norm, aber auch nicht so exotisch, dass sie eine unüberwindbare Hürde wäre. Sie kommt immerhin bei ca. 3-5% aller ausgetragenen Schwangerschaften vor.

Natürliche Geburt?

Richtig kompliziert wird es allerdings, wenn man sich trotz BEL für eine “normale”, d.h. vaginale Geburt entscheidet. Hier kann es für das Kind gefährlich werden. Es gibt dennoch zahlreiche Spezialisten, die über große Erfahrung bei derartigen Geburten verfügen. Ein besonderes Renommee in diesem Bereich hat beispielsweise die Uniklinik in Frankfurt am Main.

Entscheidend für eine erfolgreiche vaginale Geburt bei BEL sind unter anderem:

  • Qualifikation und Ausbildung des Geburtshelfers

  • Praktische Erfahrung des Arztes/Geburtshelfers mit der Entbindung bei BEL

  • für den Notfall: Möglichkeit eines Notkaiserschnitts

Das bedeutet, dass man eine natürliche Geburt auch bei Beckenendlage durchaus probieren kann. Im Ergebnis läuft es aber darauf hinaus, dass dies nur in einer Klinik relativ risikoarm versucht werden kann.

Fazit: Hebammen gehen ein hohes Risiko, wenn sie nicht rechtzeitig Handeln

Das Urteil zeigt, was eigentlich jeder Hebamme schon bekannt sein müsste:

Das Verfechten einer natürlichen Geburt zuhause um jeden Preis hat seine Grenzen. Diese wurden von der Rechtsprechung berechtigterweise aufgezeigt. Man hat den Eindruck, dass hier eine Vertreterin des Berufsstandes ein Dogma von der natürlichen Hausgeburt aus einer geradezu fundamentalistischen Überzeugung heraus verteidigte - ohne Rücksicht auf Verluste. Es geht aber nicht um das Austragen von Glaubenskriegen, sondern schlicht um Wohl von Kind und Mutter.


  1. Pressemitteilung des Bundesgerichtshofs vom 11. Mai 2016 - Aktenzeichen 4 StR 428/15

  2. Landgericht Dortmund, 37 Ks 3/11