Gina-Lisa Lohfink - Opfer oder Täter?

In dem Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink geht es um mehr als die Einzelschicksale

In dem Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink geht es um mehr als die Einzelschicksale

 

Update vom 23. August: Frau Lohfink wurde vom Amtsgericht Tiergarten inzwischen verurteilt. Siehe dazu meinen Kommentar.

 

Es gibt Strafverfahren, die nicht nur wegen der Prominenz der beschuldigten Person eine große Aufmerksamkeit erregen. Fälle, in denen zwei vollkommen gegensätzliche Versionen eines Tathergangs auf dem Tisch liegen, aber es nur eine richtige Antwort gibt. Der Prozess gegen den deutschen Violinisten Stefan Arzberger ist so ein Fall. Und auch der gegen Gina-Lisa Lohfink. In letzterem geht es aber noch um viel mehr als nur Schuld und Unschuld der Hauptakteurin.

Erst Opfer, jetzt Täter?

Video kursiert im Internet

Vor rund vier Jahren tauchte ein Video im Internet auf, das je nach Interpretation entweder zeigt wie zwei Männer (a) Gina-Lisa Lohfink vergewaltigen oder (b) mit Gina-Lisa Lohfink einvernehmlichen Sex haben.

Das Video wurde im Juni 2012 gedreht. Die beiden Männer, die in den Medien “Sebastian C.” und “Pardis F.” genannt werden, versuchten es vor der Veröffentlichung im Internet gewinnbringend an Medien zu verkaufen.

Lohfink erstattet Strafanzeige

Die ehemalige Teilnehmerin der Casting-Show “Germanys Next Topmodel” zeigt die beiden Männer an. Sie sagt, dass sie vergewaltigt worden sei. Dass man ihr “K.o.-Tropfen” heimlich verabreicht habe. Dass sie sich selbst auf dem Video nicht wiedererkenne und einen Filmriss habe. Auf dem Video wirkt Lohfink benommen. Sie bittet auf dem Video mehrfach: “Hör auf”.

Falsche Verdächtigung

Die toxikologische Untersuchung konnte dennoch keine als “K.o.-Drogen” bekannte Substanzen nachweisen. Das Strafverfahren gegen beide Männer wurde wieder eingestellt. Weder Video noch die Aussagen von Lohfink oder Zeugen können nach Ansicht der Justiz mit hinreichendem Verdacht eine Straftat nachweisen.

Es stellt sich nun eine andere Frage. Hat Lohfink die Beiden zu Unrecht einer schwerwiegenden Straftat verdächtigt?

Die zuständige Staatsanwältin meint: ja. Die Konsequenz ist ein Antrag der Staatsanwaltschaft auf Erlass eines Strafbefehls. Ein für einen Straftäter angenehmes Ergebnis. Keine Hauptverhandlung, keine Öffentlichkeit und nur eine Geldstrafe.

Die Sache hat einen Haken: Lohfink soll 24.000 € Strafe zahlen für eine Tat die sie nach ihrer Auffassung nicht begangen hat. Sie ist fassungslos, sieht sich selbst weiterhin als Opfer und erhebt Einspruch (§ 410 Strafprozessordnung (StPO)). In einem “richtigen” Strafprozess will sie in der Hauptverhandlung vor Gericht beweisen, dass sie nicht gelogen hat.

Es geht um mehr als die Person Lohfink

Fatale Signalwirkung für Opfer von Sexualstraftaten

Egal welche Version stimmt: Es wurde schon jetzt unwiderruflich eine fatale Signalwirkung ausgestrahlt. Die wahrgenommene Botschaft lautet nun, dass Opfer von sexueller Gwalt sich dreimal überlegen sollten, ob sie Strafanzeige erstatten.

“Bedauerlicherweise verstehe ich heute auch, dass viele Frauen, obwohl sie Opfer einer Sexualstraftat geworden sind, aus Angst vor Konsequenzen in Bezug auf die eigene Person den Weg zur Polizei nicht mehr gehen. Ich finde es traurig, dass ich dies sagen muss, aber ich wusste nicht, dass man von der Geschädigten zur Täterin gemacht werden kann.” (Gina-Lisa Lohfink, via Stern.de)

Der Prozess erregt auch deshalb deutschlandweit große Aufmerksamkeit. Unter dem Hashtag #TeamGinaLisa solidarisieren sich auf Twitter tausende Menschen mit Gina-Lisa.

“Nein heißt nein”

Der Zeitpunkt für den Auftakt des Prozesses ist ebenfalls bemerkenswert. Er platzt mitten in die “nein heißt nein” Debatte. Dabei geht es um die Reform des Paragraphen, der die sexuelle Nötigung sowie Vergewaltigung unter Strafe stellt: § 177 Strafgesetzbuch (StGB).

Soll künftig jeder sexuelle Übergriff gegen den erkennbaren Willen des Opfers strafbar sein? Wird in Zukunft schon allein die verbale Gegenwehr des Opfers reichen? Ein einfaches “nein”? Oder wird weiterhin wie bislang der Einsatz von Gewalt oder Drohung durch den Täter nötig sein?

"Nein heißt nein. Eine Frau wird sich nicht mehr körperlich wehren müssen, um zu verdeutlichen, dass sie sexuelle Handlungen nicht wünscht. Ein einfaches Nein wird dafür ausreichen" SPD-Fraktionsvize Eva Högl via rp-online.de

Klingt plausibel. Dennoch geben viele zu bedenken, dass bei einer solchen Änderung hierzulande bald amerikanische Verhältnisse drohen. Dazu sei der Artikel “’Nein heißt Nein’ - nicht so einfach, wie es klingt” empfohlen.

Welche Rolle spielt die Vergangenheit?

Schönheits-OPs & früheres Sexvideo

“Gina-Lisa”, wie sie von den Medien genannt wird, ist nicht gerade als Anstandsdame bekannt. Schon in der Vergangenheit gab es ein Internetvideo, das sie beim Sex mit ihrem damaligen Freund zeigte - absichtlich von beiden gedreht.

Lohfink hat sich in den letzten Jahren vor allem mit auffälligem Verhalten in die Schlagzeilen gebracht. Operierte Brüste, korrigierte Lippen, wasserstoffblonde Haare und Tätowierungen prägen ihr Äußeres.

Aufschlussreiche Fakten oder vorurteilbehaftetes Schubladendenken?

Welche Rolle spielt in dem Strafprozess ihre Vergangenheit? Oder besser gesagt: Darf diese überhaupt eine Rolle spielen?

Die Antwort lautet nein. Natürlich darf es keine Rolle spielen, dass es schon früher ein Sexvideo von Frau Lohfink gab. Natürlich dürfen ihr aufreizender Kleidungsstil und ihre Körbchengröße keine Rolle spielen. Auch wenn die Bild-Zeitung und ähnlich unseriöse Blätter leider hierauf einen wesentlichen Teil ihrer Berichterstattung richten.

Übrigens: Ich habe schon in der Vergangenheit über eine äußerst fragwürdige Verteidigungsstrategie von Strafverteidigern berichtet, die darauf abzielt das Opfer einer Sexualstraftat in Misskredit zu bringen um so den Sexualstraftäter - wider besseres Wissen - um jeden Preis rauszuboxen. Den Artikel “Verteidigung von Sexualstraftätern im Grenzbereich der Berufsethik” finden Sie hier.

Fazit

Der Fall Lohfink wird Deutschland noch lange beschäftigen. Sein Einfluss auf die “nein hießt nein” Debatte dürfte groß sein. Diejenigen die nach einer Reform rufen, sehen sich nun bestärkt. In jedem Fall sendet der Fall eine äußerst schädliche Botschaft an Opfer von Sexualstraftaten aus.