"Für die Chikas"

Der Audi R8 ist ein in der Raser-Szene beliebtes Fahrzeug.

Der Audi R8 ist ein in der Raser-Szene beliebtes Fahrzeug.

Ein äußerst lesenswerter Artikel ist mir diese Woche in den “sozialen Medien” über den Weg gelaufen. In “Illegale Autorennen: Mit hundert durch die Stadt” berichtet die FAZ über das Problem mit den Rasern auf unseren Straßen, mit einem Schwerpunkt auf die Raser-Szene in Köln.

Köln hat mittlerweile eine SoKo Raser

So hätte ich die Sonderkommission der Polizei vielleicht genannt. Tatsächlich heißt sie “SoKo Rennen”. Greift meines Erachtens ein bisschen zu kurz, da das Problem sich nicht nur auf illegale Autorennen beschränken lässt, sondern die Raser allgemein betrifft. Aber das sind Details.

Entscheidend ist, dass mit der Einrichtung der ersten Sonderkommission dieser Art endlich Konsequenzen gezogen wurden aus den Vorfällen, die sich in jüngster Vergangenheit in Deutschland mittlerweile häufen.

Die FAZ begleitete Hauptkommissar Markus Buckan und seine Kollegin bei der Jagd auf PS-Protzer. Die Polizei ist inzwischen regelmäßig “zivil” in Köln unterwegs und versucht der Raserszene auf den Keks zu gehen.

“Für die Chickas”

Der lesenswerte Artikel geht auch auf die Frage ein, welches “Profil” die Raser haben. Es wird so zusammengefasst, ohne Anspruch auf wissenschaftliche Qualität der Analyse:

  • männlich

  • zwischen 20 und 30 Jahre alt

  • häufig Migrationshintergrund

  • übertriebene Identifikation mit dem Fahrzeug

  • auf der Suche nach Anerkennung, die im normalen Leben mangels Erfolg nicht gegeben ist

Etwas einfacher gestrickt die Antwort eines PS-Angebers auf die Frage, warum er den Motor neben einer Menschenmenge aufheulen ließ: “Für die Chickas”.

Das deckt sich im Wesentlichen mit der wesentlich umfangreicheren Analyse aus einem empfehelenswerten, in der Schweiz veröffentlichten Artikel, die ich in diesem Artikel zusammengefasst habe (siehe dort den Abschnitt “Der Raser als verkehrspsychologisches Phänomen und der Zusammenhang zur Vorsatzfrage”).

Die Szene wird in drei Gruppen unterteilt (fragwürdig!)

Ziemlich generalisierend ist zu lesen, dass “alle” (Laut FAZ Vekehrspsychologen, Unfallforscher und Ermittler) die Szene in “mindestens drei Gruppen” unterteilen:

  • Harmlose Angeber, die mit lauter Mukke und heruntergelassenen Fenstern an öffentlichen Plätzen und Boulevards entlangfahren

  • Unberechenbare, die völlig rücksichtslos agieren und auch durch die Innenstadt rasen

  • Cruiser, die “weder gemeingefährlich noch ungefährlich” seien, eine Art Raser mit Augenmaß, der sich für ein Rennen eine verlassene Straße raussucht und Risiken rational abwägt

Vielleicht geht das gesellschaftliche Problem ja schon mit der Verharmlosung der letztgenannten Gruppe los? Denn: Selbstüberschätzung ist auch eine bekannte Eigenschaft, welche viele Raser aufweisen (siehe hier).

In diesem Punkt muss ich dem Autor des insgesamt gelungenen Artikels vehement widersprechen. Und ich kann mir nur äußerst schwer vorstellen, dass “alle” Ermittler, Unfallforscher und Verkehrspsychologen diese Gruppe als nicht gemeingefährlich einordnen.

Fazit und weitere Lesetipps

Insgesamt ein schöner Artikel der FAZ, der neue Informationen liefert. Eines wird bei der Lektüre klar: Gesellschaft, Politik, Polizei und Justiz werden noch lange mit sich ringen müssen, bis eine passende und angemessene Antwort auf die illegalen Autorennen und Raserdelikte finden werden.

Dabei dürfte auch ein Blick auf unser Nachbarland behilflich sein, wo bereits wesentlich härter gegen Raser vorgegangen wird (siehe hier und hier). Natürlich lassen sich die in der Schweiz gefunden Lösungen nicht 1:1 kopieren, sie dienen aber als Diskussionsgrundlage für Deutschland.

Bis dahin liegt es nach meiner Auffassung in den Händen der Staatsanwälte und Richter, endlich die Möglichkeit eines Tötungsvorsatzes in solchen Fällen in Betracht zu ziehen.