FBI-Direktor macht Ferguson-Effekt für Anstieg von Straftaten verantwortlich

Ferguson-Effekt: Schrecken Polizisten vor einem beherzten Einsatz zurück, weil sie fürchten auf YouTube zu landen?

Ferguson-Effekt: Schrecken Polizisten vor einem beherzten Einsatz zurück, weil sie fürchten auf YouTube zu landen?

Nachdem unlängst veröffentlichte Zahlen nahelegen, dass Polizisten in den USA zu schnell tödliche Schüsse abgeben, ist die Arbeit der Ordnungshüter auch weiterhin Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Diesmal aber in einem anderen Zusammenhang. Die Rede ist vom “Ferguson-Effekt”:

Haben Polizisten in den USA Angst davor, dass ihr Einsatz per Smartphone von Umstehenden gefilmt wird? Schrecken sie deshalb davor zurück, Verdächtige zu konfrontieren? Gehen Sie damit Ärger einfach aus dem Weg? Dieser Ansicht ist jedenfalls der Chef des Federal Bureau of Investigation (FBI). Und bringt das Phänomen in direkten Zusammenhang mit den zuletzt massiv gestiegenen Zahlen der in den USA begangenen Straftaten.

Kriminalität steigt an

Grundlage der Debatte sind die in über 20 Städten gestiegenen Kriminalitätsraten im ersten Quartal 2016. In einigen Städten gibt es einen signifikanten Anstieg der Mordrate. Darunter sind Chicago, Las Vegas, Los Angeles und Dallas. Mehr zu den Zahlen in diesem Artikel der New York Times.

“I don’t know what the answer is, but holy cow, do we have a problem” FBI-Direktor James Comey, via NYTimes.com

Gibt es einen Ferguson-Effekt?

FBI-Direktor macht Hobby-Filmer für höhere Mordrate verantwortlich

James Comey, der Direktor des FBI, glaubt dass der sogenannte “viral video effect” für die beunruhigenden Zahlen ursächlich ist. Er meint damit die unter Polizisten gestiegene Angst davor, im Einsatz von Umstehenden auf Video festgehalten zu werden und dann auf YouTube und Facebook zu landen.

Viele verwenden dafür auch den Begriff “Ferguson-Effekt” oder “YouTube-Effekt”.

Wieso Ferguson-Effekt?

“Ferguson” in Anlehnung an die Tötung eines Schwarzen durch einen Polizeibeamten in der Stadt Ferguson in Missouri. Das Opfer namens Michael Brown war unbewaffnet. Der Vorfall der im Jahr 2014 stattfand, führte zu landesweiten Unruhen und Debatten über Rassismus in der Polizei und der amerikanischen Gesellschaft im Allgemeinen.

Die Strafverfolgungsbehörden stehen in den USA seitdem unter besonders argwöhnischer Beobachtung (mehr zu dem Thema hier). Gut möglich, dass das den täglichen Dienst tatsächlich negativ beeinflusst.

Kein Beweis

Einen statistischen Nachweis für seine Vermutung kann er jedoch nicht darüber führen, wie er offen einräumt. Das wäre allerdings auch äußerst schwierig. Comey will dennoch versuchen, in wenigen Jahren neue, erweiterte Statistiken zur Verfügung zu stellen. Er habe aber in zahlreichen vier-Augen-Gesprächen mit ranghohen Ordnungshütern erfahren, dass die viralen Videos für eine größere Zurückhaltung verantwortlich seien.

Es gebe da eine allgemeine Beobachtung, dass die Polizisten eher von der extra-Polizeiarbeit absehen würden, die Verbrechen verhindern könne - dieses um 2 Uhr früh aus-dem-Dienstwagen-Aussteigen um eine Gruppe von Männern zu fragen: “Hey, was macht ihr da?”, so der FBI-Chef gegenüber Reportern.

Nicht alle stimmen zu

Kriminologen, das Weiße Haus und führende Experten sind jedoch angesichts der dünnen Faktenlage äußerst kritisch gegenüber Comey und der Theorie eines “Ferguson-Effekts”. Sie fordern mehr Zurückhaltung bei dem brisanten Thema. Eine mächtige US-Polizeigewerkschaft widerspricht Comey:

“Er sagt im Grunde dass Polizeibeamte Angst davor haben, ihren Job zu machen, ohne irgendeinen Beweis dafür zu haben.” James Pasco, National Fraternal Order of Police, via NYTimes.com

Andererseits gibt es aber auch Stimmen, die sagen dass sich der FBI-Direktor als einer der Wenigen traut das auszusprechen, was Anderen viel zu heikel ist. Darunter sind auch solche, die die Ferguson-Effekt-Theorie zuerst ablehnten, inzwischen jedoch anerkennen. Experten wie Richard Rosenfeld, ein renommierter Kriminologe. Er untermauert die Thesen des FBI-Chefs sogar mit harten Zahlen. Siehe dazu diesen Bericht des Wall Street Journal.

Fazit

Fakt ist, dass es in den USA einen Anstieg bei der Zahl der begangenen Straftaten gibt, der viele beunruhigt. Dass dafür nach einfachen Erklärungen gesucht wird, ist verständlich. Es ist aber noch zu früh um feststellen zu können, ob es den “Ferguson Effekt” wirklich gibt.