England - sinkende Verurteilungsquote bringt Staatsanwaltschaft in Erklärungsnöte

Schlechte Zahlen und ein aufsehenerregender Vergewaltigungsfall bringen die englische Staatsanwaltschaft, den CPS, in Erklärungsschwierigkeiten.

Schlechte Zahlen und ein aufsehenerregender Vergewaltigungsfall bringen die englische Staatsanwaltschaft, den CPS, in Erklärungsschwierigkeiten.

Die englische Staatsanwaltschaft (Crown Prosecution Service - CPS) gerät in den letzten Wochen zunehmend in negative Schlagzeilen. Zuerst wurden Zahlen öffentlich welche nahelegen könnten, dass die Staatsanwälte ihre Fälle nicht gut genug vorbereiten. Jetzt kommt auch noch ein aufsehenerregender Fall hinzu, der diese Vermutungen bestätigen könnte.

Verurteilungsquote fällt auf Tiefstand

Wie BBC berichtet, ist der Anteil der von der Staatsanwaltschaft angeklagten Fälle, in welchen eine Verurteilung des Angeklagten am Ende steht, auf unter 80 Prozent gesunken. Zum ersten Mal seit 2010-2011.

In 70% der fallengelassenen Strafverfahren bot der CPS keine Beweise an, um die Anklage zu untermauern. Die Zahlen sind ein Indiz dafür, dass Fälle vorschnell angeklagt werden. Das wäre ein Armutszeugnis.

Ein ehemaliger Staatsanwalt wird von BBC so zitiert:

“There are lots of people who are desperate for cases to be brought for all sorts of reasons.”

Es ist aber auch denkbar, dass andere Gründe eine Rolle spielen und für die schlechte Quote sorgen. So kann es sein, dass sich die Beweislage nachträglich ändert, wenn sich beispielsweise überraschend neue Zeugen finden.

Der CPS schreibt zu seiner Vorgehensweise auf der eigenen Webseite:

“When we receive a file from the police, a prosecutor will read the papers and decide whether or not there is enough evidence against the defendant and whether a prosecution is required in the public interest. Because circumstances can change, the prosecutor keeps the case under continual review. If the prosecutor is thinking of changing the charges or stopping the case, he or she will contact the police wherever possible. This gives the police the chance to provide more information that may affect the decision.”

Vergewaltigungsfall scheint Vorwürfe zu bestätigen

Medien aus ganz England berichten über den Skandalfall

Ein für den CPS zeitlich gesehen äußerst Ungünstiger Vorfall offenbart, dass an der Kritik durchaus mehr als nur ein Funken Wahrheit sein könnte. Seit Anfang der Woche berichten englische Medien über einen Vergewaltigungsprozess gegen vier junge Männer, der ebenfalls wegen schlampiger Ermittlungen scheiterte.

Vergewaltigung einer Studentin?

Den vier Studenten der Royal Agricultural University in Gloucestershire, einer westlich von London gelegenen Grafschaft, wurde die Gruppenvergewaltigung einer jungen Frau zur Last gelegt. Die zur Tatzeit 20-jährige Frau beschuldigte die Männer, sie nach einer Semesterabschlussparty im Jahr 2014 gemeinschaftlich vergewaltigt, stranguliert und die Tat gefilmt zu haben.

Prozess scheitert gleich zu Beginn

Der anschließende Gerichtsprozess gegen die vier Männer kollabierte aber nach kürzester Zeit. Der Richter Jamie Tabor QC des königlichen Gerichts von Gloucester schlug Staatsanwaltschaft und Polizei den Fall um die Ohren.

Die Staatsanwaltschaft konnte keine Beweismittel vorbringen, die ein Fortschreiten des Strafprozesses erlaubt hätten. Die vier Angeklagten - Thady Duff, Leo Mahon, Patrick Foster und James Martin - wurden allesamt von den Anschuldigungen freigesprochen. Der englische Staat muss nun für ihre Verteidigungskosten aufkommen.

Richter: “Rosinenpickerei” von Polizei und Staatsanwaltschaft

Richter Tabor offenbarte, auf welch wackligen Beinen die Anklage stand. Insbesondere ein Polizeibeamter, Detectiv Con Lewis, wurde vom Richter gescholten. Er soll einseitig belastende Beweise gesammelt und alle entlastenden Beweise ignoriert oder sogar verschwiegen haben. Gegen ihn wird es nun wegen seines Fehlverhaltens interne Ermittlungen der Polizei geben.

Es ist der sauberen Arbeit der Verteidiger zu verdanken, dass deren Gutachter bei Auswertung des Handys der Frau herausfanden, dass Textnachrichten ein anderes Licht auf die Tat werfen.

Darüber hinaus wurde erst im Gerichtsverfahren bekannt, dass die junge Frau schon einmal Vergewaltigungsvorwürfe wegen einer angeblichen Vergewaltigung auf einem Armee-Stützpunkt erhoben hatte. In diesem Fall gab es Widersprüche in ihrer Aussage. Der Richter kritisiert den CPS, dass er es versäumt hatte die Akten von der Militärpolizei einzuholen.

Fazit

Die englische Staatsanwaltschaft wird durch neue Statistiken in Erklärungsnot gebracht. Die Zahlen könnten darauf hindeuten, dass die Fälle durch großen Strafverfolgungsdruck vorschnell zur Anklage gebracht werden. Diese Vermutung scheint ein Vergewaltigungsfall zu belegen, in dem das Gericht schonungslos offenbart wie schlampig und einseitig die Strafverfolgungsbehörden die Anklage vorbereiteten.