England revolutioniert Aktenführung im Strafprozess

Jetzt fehlen nur noch die Perücken und dann ist die englische Justiz im 21. Jahrhundert angekommen...

Jetzt fehlen nur noch die Perücken und dann ist die englische Justiz im 21. Jahrhundert angekommen...

Kurz habe ich mich gefragt, ob die Überschrift für diesen Beitrag nicht zu reißerisch ist. Digitalisierung als Revolution? Dabei ist die Digitalisierung doch ein überall anzutreffendes Phänomen. Selbst in Deutschland, nicht gerade bekannt als Legal-Tech-Hochburg, “droht” Strafverteidigern und Gerichten doch schon die “e-Akte”. Andererseits:

Wenn die seit Jahrhunderten im Wesentlichen unveränderte Art und Weise wie Juristen an einem strafrechtlichen Fall arbeiten auf den Kopf gestellt wird, ist das nicht anderes als eine Revolution.

Die Akte wandert in die Cloud

“Paperless” - so nennt sich in der englischen Sprache das Arbeiten ohne Papier. Genau ist schon in vielen englischen Strafgerichten der Fall. Der seit letztem Sommer in zwei Gerichten laufende Pilot war erfolgreich und wird nach und nach zum Standard.

Zwei der meist-beschäftigten Strafgerichte Englands wurden für den Pilot auserkoren. Eine mutige Entscheidung. In den Sälen der Leeds und Southark Crown Court werden regelmäßig komplizierte Betrugsfälle und Promi-Prozesse verhandelt. Furchteinflößende Aktenberge (hierzulande auch bekannt als “Gürteltiere”) sind hier der Standard. Eine echte Feuertaufe für die Digitalisierung.

Die Vorteile sind enorm

Juristen werden mobil

Die Digitalisierung ermöglicht es Richtern und Rechtsanwälten, auf ihre Fälle im Gerichtssaal per Laptop oder von unterwegs oder aus dem Home-Office zuzugreifen.

Endlich ist mobiles Arbeiten also möglich. Zu Zeiten der physisch geführten Akten undenkbar. Eher ist es bislang so, dass Rechtsanwälte zwischen zwei Hauptverhandlungen zurück ins Büro müssen, um die Akten zu tauschen. Oder sie entscheiden sich für den Trolley, um alles dabei zu haben. Keine praktische Lösung. Und schon gar nicht elegant.

Richter und Anwälte sind begeistert

Glaub man Medienberichten, sind die Rechtsanwender regelrecht begeistert.

“Now you have got the laptop and you are free of all that paper, and it is fantastic.” (Richter Peter Collier, QC, via Yorkshire Post)

Folgende Vorteile werden immer wieder genannt:

  • Druckkosten und Kopierkosten werden gesenkt

  • Dokumente werden jetzt per Mausklick geteilt und nicht mehr auf dem Postweg verschickt. Das führt zu einer Beschleunigung des Strafprozesses. Außerdem entfällt das teure Porto.

  • Aufwändige Archivierung von Akten entfällt

  • Die Juristen können jederzeit und von überall auf die Akten zugreifen

Klar, ein paar Rückschläge und Hürden habe es schon gegeben. Aber insgesamt sei der Test ein voller Erfolg gewesen.

Das System soll so einfach zu bedienen sein, dass jeder der im Stande ist etwas bei Amazon zu bestellen, die Bedienung der Software meistern kann. Ein vollmundiges Versprechen.

Cloud-basiertes System

Daten liegen in der “Wolke”

Die Aktenführung wird nicht nur “elektronisch”. Nein, man geht einen Schritt weiter. Die englische e-Akte wird in der Cloud geführt.

Entwickelt wurde die Software namens “Caselines” von der in London ansässigen Firma Netmaster Solutions. Sie ist bereits in modifizierter Form in der Zivilgerichtsbarkeit im Einsatz.

Hohe Sicherheitsstandards

Die elektronische Akte gilt dabei sogar in manchen Punkten als noch sicherer als das papiergeführte Pendant. Denn jede Aktivität des angemeldeten Nutzers wird getrackt, also aufgezeichnet. Missbrauch durch ein Organ der Rechtspflege der weniger seriösen Kategorie (ja, solche Kollegen soll es geben...) dürfte damit zu großen Teilen verhindert werden.

Nur diejenigen die eingeladen wurden an dem Fall zu arbeiten, können auf die jeweilige Akte zugreifen. Die Verbindung zur Cloud ist dabei natürlich stets verschlüsselt.

Teil einer großangelegten Modernisierung

Die Veränderungen sind Teil einer größeren Modernisierung. Auch die Prozesse bei Polizei, Staatsanwaltschaft und im Strafvollzug sollen weitgehend digitalisiert werden. Alle Schnittstellen zwischen den Behörden und Gerichten sollen dabei voll kompatibel sein und einen barrierefreien Datenaustausch garantieren.

Zusammenfassung

Die Digitalisierung ist in aller Munde. Sie kommt auch für den Strafprozess im Vereinigten Königreich. Die Vorteile scheinen enorm zu sein und das Feedback ist insgesamt sehr positiv. Die Ergebnisse machen ein wenig Mut für die deutsche “E-Akte”.

Quelle: Yorkshire Post vom 22. März 2016