50 US-Dollar für einen Raubmord

Im Rausch der Botenstoffe wurde schon manche Dummheit begangen. Straftäter machen sich das auch im Internet gerne zunutze.

Im Rausch der Botenstoffe wurde schon manche Dummheit begangen. Straftäter machen sich das auch im Internet gerne zunutze.

Er hieß Adam Hilarie und war alleinerziehender Vater. “Hieß”, denn er wurde Opfer eines Raubmordes. Dabei hatte alles vielversprechend begonnen. Ein Date mit einer hübschen Frau, eingefädelt über eine Datingplattform. Dahinter steckte eine scheinbar neue Masche namens “Catfishing”. Eine weitere Innovation aus dem Bereicht Cybercrime. Tatsächlich ist das Konzept dahinter alles andere als neu.

50 Dollar für einen Raubmord

Die attraktive aus Lateinamerika stammende Frau lernte er bei “PlentyOfFish” kennen. Eine Seite die von sich behauptet, die weltweit größte Datingseite zu sein. Auf ein paar nette Nachrichten folgte das erste Date im Bowlingcenter. Hilarie ließ es sich nicht nehmen, seine Bekanntschaft noch kurz mit nach Hause zu nehmen um Wohnung und Mitbewohner kennenzulernen.

Nach der Verabschiedung bekam er noch eine Textnachricht auf sein Smartphone. Sein Date bedankte sich für den tollen Abend und wollte ihn am nächsten Abend zuhause besuchen. Diesmal allerdings ohne störenden Mitbewohner. Man kann sich vorstellen, wie sehr sich Hilarie auf diesen Abend freute.

Am folgenden Abend klingelte die 18-jährige Frau bei Hilarie. Was dieser nicht wusste: sie war nicht alleine. Im Schlepptau hatte sie drei Männer. Zwei davon einschlägig vorbestraft, wegen schwerwiegender Straftaten. Wenigstens einer von ihnen war bewaffnet.

Als der 27-jährige Hilarie öffnete, wurde er überwältigt. Seine Gegenwehr führte zu einem kurzen Kampf, der in der Küche endete. Hilarie flehte um Gnade, auch wegen seiner 5-jährigen Tochter, die ihm alles bedeutete. Er wurde durch einen Kopfschuss getötet.

Die Täter nahmen Wertsachen mit, die die Frau am Abend zuvor ausgekundschaftet hatte. Xbox, iPhone etc. Der Polizei zufolge bekam sie für ihre Dienste 50 US-Dollar. Die Ermittler gehen davon aus, dass sie nicht das erste Mal diese Masche abzog.

Catfishing, eine Variante der Venus-Falle

Als “Catfishing” bezeichnet man das Erstellen von fake-Identitäten im Internet um das Opfer in eine Beziehung zu locken. Letztlich ist es ein Phänomen aus dem Bereich Cybercrime. Die Motivation dahinter kann vielfältig sein: Habgier (siehe oben), Rache oder Neugier sind bekannte Beweggründe für Catfishing. Der Begriff “Catfishing” kommt vermutlich von dem Dokumentarfilm “Catfish”.

Es handelt sich also um eine Variante der “Venusfalle”. Abgesehen vom Online-Aspekt keinesfalls ein neues Konzept. Menschen die auf der Suche nach der großen Liebe sind, verhalten sich gerne irrational. Dass der obige Fall tödlich endete ist außergewöhnlich. Meist wird “nur” Geld verloren.

“Verliebtsein ist nur ein außerordentlicher Fall von freiwilliger Blindheit.” (Honoré de Balzac)

Täter haben es aber aufgrund der Online-Komponente besonders leicht. Eine gefälschte Identität, ein gefaktes Profil inklusive erfunden Freunden auf sozialen Netzwerken - all das lässt sich von Profi-Betrügern unkompliziert und mit überschaubarem Aufwand erstellen.

Anzeige wird natürlich selten erstattet. Den Opfern von Betrugsmaschen ist die Angelegenheit äußerst peinlich. So wird mancher Vermögensverlust stillschweigend hingenommen.

Eines von vielen zunehmenden Cybercrime-Delikten

Catfishing reiht sich ein in die weltweit in ihrer Häufigkeit stark ansteigenden Cybercrime-Delikte. Kein Wunder, dass in England die dortige Staatsanwaltschaft vermehrt solche Fälle bearbeitet. Der Fantasie im Bereich Online-Kriminalität sind anscheinend keine Grenzen gesetzt.

Schlagzeilen machen in letzter Zeit vor allem Hassposts, “Revenge Porn” und “Grooming”. Wenn man verfängliche, intime (Nackt-)Bilder oder Sexvideos aus dem privaten “Archiv” veröffentlich, um seinen Ex-Partner dadurch zu schädigen, ist das “Revenge Porn”. Als “Grooming” bezeichnet es man, wenn sich ein Täter über soziale Meiden oder Chatrooms an sein Opfer heranmacht, um sexuelle Handlungen (Missbrauch, Vergewaltigung etc.) durchzuführen. Auch Kinder sind häufig im Fadenkreuz der Täter.

Wie schnell kann die Justiz reagieren?

Die Herausforderungen an Staatsanwälte und Ermittler steigen also. Aber auch das Strafrecht und die Justiz insgesamt stehen vor einer riesigen Herausforderung. Schaffen es Politiker und Gesetzgeber, mit den neuen Trends Schritt zu halten? Nur zur Erinnerung: das deutsche Strafgesetzbuch wurde im Jahr 1871 ausgefertigt.

Der Crown Prosecution Service (CPS), also die “englische Staatsanwaltschaft”, überarbeitet derzeit (siehe auch die Informationen auf der Homepage des CPS) die seit dem Jahr 2013 vorhanden “Social Media Guidelines”. Die Fallzahlen sind anscheinend derart hoch, dass es sogar eine eigene Hotline für Revenge Porn gibt. Auch sonst kann das Vereinigte Königreich als Vorbild gelten. Die Staatsanwälte lassen sich sogar von Twitter beraten, um auf dem neuesten Stand in Sachen Internetkriminalität zu bleiben. Der Schulungsbedarf ist enorm.

Auch hierzulande nimmt die Internetkriminalität zu. Vom BKA wurden im Jahr 2015 sage und schreibe 45.000 Fälle gezählt. In Deutschland rüstet man vor allem personell auf. In Bayern und Hessen werden Stellen geschaffen um Spezialisten einzustellen.

Fazit

Catfishing ist ein weiteres Phänomen aus dem Bereich Cybercrime. Die dahinter stehende Masche ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Strafverfolgung im Bereich Cybercrime ähnelt einem Katz und Maus Spiel der nächsten Generation. Die Täter sind scheinbar immer einen Schritt voraus. Der Innovationsmotoren Internet & IT machen in ihrem Erfindungsreichtum leider bei der Kriminalität nicht halt.

Quelle: Washington Post vom 24. August 2016.