Strafbarkeit von Abtreibungen führt zu Protesten in Nordirland

Gesetze aus dem 19. Jahrhundert machen Abtreibungen in Nordirland in fast allen Fällen zu einer Straftat

Gesetze aus dem 19. Jahrhundert machen Abtreibungen in Nordirland in fast allen Fällen zu einer Straftat

In Nordirland wurde eine junge Frau verurteilt, weil sie eine illegale Abtreibung durchführte. Das Kuriose ist, dass Nordirland als einziges Land des Vereinigten Königreichs diesen rigiden Kurs gegen Abtreibungen fährt. Woher kommt das? Und welches Schicksal erlitt die junge Frau aus Belfast deswegen? Über diesen Fall mit reichlich politischem Sprengstoff war bereits im letzten “Blick über den Tellerrand” zu lesen.

Mitbewohnerin fand den Fötus im Abfall

Schockierte Mitbewohner rufen Polizei

Die zum Zeitpunkt der Abtreibung 19-jährige werdende Mutter lebt in einer Wohngemeinschaft in Belfast, Nordirland. Eine Mitbewohnerin wusste von der Schwangerschaft und war verreist.

Als sie von ihrer Reise zurückkehrte und den Müll entsorgte machte sie den schrecklichen Fund. Erst nach mehreren Tagen beschloss die schockierte Mitbewohnerin aus Schuldgefühlen heraus, die Polizei um Rat zu bitten:

“You would never want to see it in your life. It was a full wee proper baby.[...] About a week went by, the guilt of a baby in the bin was eating us up” (Die schockierte Mitbewohnerin, via BBC)

Verurteilung zu 3 Monaten Freiheitsstrafe

Die mittlerweile 21-Jährige wurde nun von einem Gericht zu einer dreimonatigen Freiheitsstrafe verurteilt (ausgesetzt für 12 Monate). Sie gestand die Tat. Sie hatte entsprechende Präparate im Internet bestellt und den Schwangerschaftsabbruch damit selbst zuhause eingeleitet.

Wieso sind Abtreibungen in Nordirland illegal?

Strafbarkeit von Abtreibungen in Nordirland

Abtreibungen sind in Nordirland illegal und strafbar. Das ergibt sich aus einem aus dem 19. Jahrhundert stammenden Gesetz (dem “1861 Offences Against the Person Act”). Es spielt keine Rolle, ob diese selbst oder durch Ärzte durchgeführt werden. Es ist auch irrelevant, in welcher Schwangerschaftswoche die werdende Mutter sich befindet.

Lediglich wenn das Leben der Mutter auf dem Spiel steht oder wenn das Risiko eines dauerhaften und schweren Schadens für ihre Gesundheit besteht, ist eine Abtreibung möglich. Keine legitimen Abtreibungsgründe sind hingegen eine Vergewaltigung als Schwangerschaftsursache oder Anomalitäten bei der fetalen Entwicklung.

Ein Gericht in Nordirland äußerte kürzlich, dass dieses Beinahe-Totalverbot von Abtreibungen die Menschenrechte von Frauen und Mädchen verletzt (siehe hier)

Abtreibungstourismus

Da die meisten Schwangeren in Nordirland die äußerst engen Voraussetzungen für eine ausnahmsweise erlaubte Abtreibung nicht erfüllen, reisen sie in andere Teile des Vereinigten Königreichs und lassen dort eine Abtreibung vornehmen - legal und ohne das Risiko einer Strafbarkeit.

Die junge Frau aus Belfast hatte aber kein Geld für eine solche Reise und sah sich deshalb zu dem eigenhändigen Schwangerschaftsabbruch in den eigenen vier Wänden gezwungen.

England, Wales und Schottland

Die anderen Länder des United Kingdom (UK) - England, Wales und Schottland - erlauben Abtreibungen bis hin zur 24. Schwangerschaftswoche. Dies ist durch ein Gesetz (den “1967 Abortion Act”) geregelt - ein Regelwerk welches in Nordirland keine Anwendung findet.

Auch über diesen Zeitpunkt hinaus ist eine Abtreibung beispielsweise legal, wenn es Hinweise auf eine Schädigung des Fötus gibt oder wenn Leben oder Gesundheit der Mutter in Gefahr sind.

In Nordirland müssen Schwangere mit dem Wunsch nach einem Schwangerschaftsabbruch sich entweder ins Ausland begeben oder sich mit illegal beschafften Mitteln dem Risiko einer Strafbarkeit aussetzen.

Öffentliche Debatte im Vereinigten Königreich

Amnesty International schaltet sich ein

Der jüngste Fall erzürnt viele Menschen und treibt sie zu Protesten auf die Straße. Dies sorgt für Druck auf die Politik, schnell zu handeln und eine gesetzgeberische Angleichung an andere Teile des Vereinigten Königreichs zu bewirken.

“We must end the criminalisation of women in Northern Ireland who, often in desperate circumstances, decide to terminate their pregnancy.” (Liz Kendall, Abgeordnete, via The Independent)

Amnesty International startete nun eine Petition zur Änderung des Abtreibungsrechts. Derzeit (Stand 14. April 2016) haben sich bereits rund 30.000 Unterzeichner finden lassen. Auf der Website steht:

“This Victorian-era law dates from a time before the invention of the lightbulb. It must be brought into the 21st century – urgently, before more women are criminalised, forced to travel or left to suffer alone. Abortion is a matter for women and their doctors, not judges.” (Amnesty International)

Abtreibungsgegner formieren sich

Gleichzeitig formieren sich die Abtreibungsgegner in der “Precious Life” Initiative und wollen um jeden Preis eine Aufweichung der rigiden Gesetze verhindern.

“If a candidate is unwilling to protect the life of a little disabled unborn baby or an unborn baby in any other case, how can he or she respect your value and dignity as a human being? Without the right to life, all other rights, privileges and promises are meaningless. We need you, your family, and friends to bombard political candidates by Phone:, email, facebook, twitter, or by calling into their offices [...]” (Aufruf von “Precious Life”)

Fazit

In Nordirland gibt es ein (Beinahe-) Totalverbot von Abtreibungen. Dies wurde einer Schwangeren nun zum Verhängnis, die nicht das nötige Kleingeld hatte, um eine Abtreibung legal in anderen Teilen des Vereinigten Königreichs durchzuführen. Öffentliche Proteste machen nun Druck auf Politiker, eine Gesetzesänderung schnell auf die Bahn zu bringen.