Starviolinist Stefan Arzberger vor Gericht in New York: wurde er Opfer einer kriminellen Masche?

Der Prozess gegen Stefan Arzberger endete überraschend schon am 29. Juni 2016. Der Mordvorwurf wurde fallengelassen. Arzberger darf in seine Heimat zurückkehren. Mehr dazu in diesem Artikel.

 - Der Beitrag wurde am 10. Juni 2016 zuletzt aktualisiert. -

Der deutsche Ausnahmemusiker sitzt seit über einem Jahr in den USA fest.

Der deutsche Ausnahmemusiker sitzt seit über einem Jahr in den USA fest.

Stefan Arzberger gilt als einer der besten Geiger Deutschlands. Seit dem 27. März 2015 ist in seinem Leben aber nichts mehr, wie es war. An diesem Tag findet er sich nackt und in Handschellen in einem New Yorker Hotel wieder. Der Fall des 1972 im Vogtland geborenen Geigers ist geheimnisvoll und inspirierte sogar die Filmindustrie zu einer eigenen Folge der Krimi-Serie “Law & Order”.

Arzberger wird vorgeworfen versucht zu haben, die 64-jährige Pam Robinson durch Strangulierung zu töten. Arzberger hat einen Filmriss, kann sich an nichts erinnern. Er und seine Verteidiger vermuten, dass er durch einen Drogencocktail zu der Tat gebracht wurde. Der Geiger wartet jetzt in den USA auf seinen Prozess wegen versuchten Mordes. Er sitzt seit über einem Jahr fest.

TV-Hinweis: Am 16. Mai lief in der ZDF-Sendung “37°” die Doku “Eine verhängnisvolle Nacht - Gefangen in New York”. Diese berichtet über den Fall Arzberger und liefert berührende Einblicke. Sie wurde in der Nacht auf den 24. Mai 2016 in 3sat wiederholt.

Die Tatnacht

Zeugenangaben, die Auswertung der Videoüberwachung des Hotels, sowie seine Smartphone-Daten ermöglichen heute einen groben Überblick, was sich in der Nacht vom 26. auf den 27. März zugetragen hat.

Vor der Tat war der Geiger in Begleitung einer kriminellen Prosituierten

Um 03:52 Uhr betritt der 42-jährige Stefan Arzberger in Begleitung einer großen Frau die Lobby des New Yorker Hudson Hotels, in dem er Gast ist. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass es sich bei seiner Begleitung um einen vorbestraften Transvestit namens Natalie Neptune aus Prostituiertenszene handelte. Der Violinist wird später aussagen, dass er hieran und an die folgenden Geschehnisse keine Erinnerungen habe.

Um 04:37 Uhr filmt die Videoüberwachung, wie die Frau das Hotel wieder verlässt. Später wird klar, dass sie Arzberger um mehrere Wertgegenstände “erleichtert” hatte. iPad, Kreditkarte und Bargeld des Stargeigers wurden entwendet. Der Täter wird in der Folge mehrmals versuchen, mit der Karte an Geld von Arzberger heranzukommen.

Arzberger läuft nackt durch die Gänge des Hotels und klopft an Zimmertüren

Kurz vor 08:00 Uhr läuft Arzberger nackt durch die Gänge, klopft an Zimmertüren anderer Hotelgäste. Das Sicherheitspersonal wird alarmiert.

Gegen 08:00 Uhr öffnet die ahnungslose Pam Robinson ihre Zimmertüre. Vor ihr steht Arzberger, vollständig entkleidet. Nach ihrer Aussage drängte Arzberger sie in ihr Zimmer und würgte sie heftig an ihrem Hals. Sie hat Glück, denn das alarmierte Sicherheitspersonal schreitet rechtzeitig ein. Die Polizei wird verständigt.

Erinnerungslücken

Laut Arzberger setzen seine Erinnerungen erst wieder ein, als er in Handschellen auf dem Hotelbett liegt und zwei Polizisten vor ihm stehen. Einer der Polizisten bemerkt, dass er den Eindruck mache als würde er unter Drogen stehen.

In der Tat sprich manches dafür, dass der Violinist von seiner kriminellen Begleitung unbemerkt K.O.-Tropfen oder ähnliches verabreicht bekam. Die Verteidigungsstrategie des Musikers baut auf dieser Theorie auf. Leider wurde es jedoch versäumt, rechtzeitig eine Urinprobe zu nehmen.

Mysteriöser Fall: Wurde Stefan Arzberger Opfer einer kriminellen Masche, bei der ihm ein Drogencocktail verabreicht wurde?

Der Stargeiger steht vor einem Scherbenhaufen

Fast ein Jahr später wartet Arzberger noch immer darauf, dass sein Prozess richtig beginnt. Er ist von der Staatsanwaltschaft in New York wegen versuchten Mordes angeklagt.

Das Leben des Musikers liegt in Trümmern. Arzberger war Teil eines angesehenen Streichquartetts. Dieses Engagement ist inzwischen beendet. Er sitzt fest. Sein Pass wurde eingezogen. Nur durch Aufbringen einer Kaution von 100.000 US-Dollar kann er sich auf freiem Fuß bewegen.

Anwälte, Gutachter und Privatdetektiv verursachen einen riesigen Kostenberg. Man kann sich nur schwer vorstellen, was es für den leidenschaftlichen Musiker bedeutet haben muss, seine Lavazza-Geige aus dem 18. Jahrhundert zu verkaufen, um Rechnungen bezahlen zu können.

Nicht weniger tragisch sind die Auswirkungen auf sein Privatleben. Seine Frau lebt und arbeitet in Deutschland, während er in den USA fest sitzt. Nur unregelmäßig und mit Hilfe seiner vielen Unterstützer konnte er sie seitdem sehen. Spenden, Benefizkonzerte und Zuspruch motivieren ihn aber, nicht aufzugeben.

Der zermürbende Strafprozess kommt nicht in die Gänge

Es drohen bis zu 25 Jahre Gefängnis

Nachdem eine Grand Jury über den Fall befand, ist Arzberger angeklagt. Arzberger muss sich u.a. wegen versuchten Mordes vor Gericht in New York verantworten. Staatsanwalt Sam Cocks wird alles daran setzen wollen, den inzwischen weltweit bekannt gewordenen Fall als Karrieresprungbrett zu nutzen. Im schlimmsten Fall erwarten Arzberger bis zu 25 Jahre Haft.

Der Strafprozess kommt dabei nicht in die Gänge. Unzählige Male gab es schon Anhörungen. Mal wartet man auf Gutachten, mal werden neue Beweisanträge gestellt. Eine zermürbende Situation. Die nächste Gerichtsanhörung soll am 10. August stattfinden.

Die von Arzberger beauftragten Verteidiger Kaizer und Levitt geben sich dennoch optimistisch, einen Freispruch erzielen zu können. Eine Haftstrafe soll auf jeden Fall vermieden werden. Problematisch ist aber, dass “Natalie Neptune” und damit der wichtigste Zeuge in dem Fall untergetaucht sein soll.

Gibt es eine Absprache zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigern?

Sein Verteidiger Kaizer spekuliert laut N-TV darauf, dass die Staatsanwaltschaft ein Einsehen hat und sich auf eine Einigung mit Arzbergers Rechtsanwälten einlässt. Arzberger könnte ein richtiger Prozess auf diesem Wege vielleicht noch erspart bleiben. Eine solche Absprache nennt sich im US-Strafprozessrecht “Plea Deal” oder “Plea Bargain”.

Das würde aber beinhalten, dass der Stargeiger sich jedenfalls ein bisschen für schuldig bekennt - obwohl er nach seiner eigenen Überzeugung selbst nur ein Opfer ist. Es wäre eine Niederlage für den Erfolgsmenschen.

“Ich soll etwas getan haben, das nicht in meiner Natur liegt” Stefan Arzberger über den Fall in einer ZDF-Doku

Alles oder nichts - der Pakt mit dem Teufel

Derartige “Plea Deals” sind leider absolut üblich in den USA. Weit über 90 Prozent aller Strafverfahren auf diesem Weg abgewickelt. Wer nicht mitspielt und sich auf einen richtigen Prozess mit Jury, Kreuzverhör usw. einlässt um einen Freispruch zu erzielen, der pokert hoch. Denn geht dies schief und die Jury kann nicht von der eigenen Unschuld überzeugt werden, fällt die Strafe umso härter aus. Der Angeklagte bekommt auf diesem Weg die Quittung dafür, dass er sich nicht auf die Absprache eingelassen hat.

Daher gibt es in den Vereinigten Staaten sogar regelmäßig Fälle, in denen Unschuldige gestehen, eine Tat begangen zu haben - nur um den drakonischen Strafen zu entgehen, die im Fall einer Verurteilung drohen. Im Strafrecht der USA wird das durch die in vielen Staaten bestehende Aussicht auf die Todesstrafe auf die Spitze getrieben. Lässt sich Arzberger auf einen solchen Pakt mit dem Teufel ein, nur um den im schlimmsten Fall drohenden 25 Jahren Gefängnis zu entgehen? Er wäre nicht der erste.

Ein bekanntes Beispiel ist der Footballspieler Brian Banks, der eine Vergewaltigung gestand, die er gar nicht begangen hatte. Nur aus der Angst heraus, im Falle einer Verurteilung 41 Jahre ins Gefängnis zu müssen. Banks hatte aber Glück im Unglück. Seine Unschuld kam durch einen Zufall ans Licht. Trotzdem saß er lange unschuldig als Verurteilter Straftäter im Knast.

Mehr zu den fragwürdigen “Plea Deals” können Sie in meinem Artikel “Plea bargain - ein Pakt mit dem Teufel?” nachlesen.

Muss Arzberger einen zweistelligen Millionenbetrag zahlen?

Daneben läuft gegen den Geiger ein Zivilprozess, in dem das Opfer die Zahlung von unglaublichen 20 Millionen US-Dollar Schmerzensgeld fordert.

So kann Stefan Arzberger unterstützt werden

Der Fall Arzberger macht betroffen. Die USA sind ein Rechtsstaat und ich bin trotz aller Bedenken davon überzeugt, dass ein Gerichtsverfahren die Wahrheit ans Licht bringt. Fakt ist aber auch, dass in den USA viel davon abhängt, ob man sich einen guten Verteidiger leisten kann. Darüber hinaus ist es dem in New York gestrandeten Violinisten verwehrt, mit seiner Passion die anlaufenden Kosten zu bewältigen.

Statt der üblichen Zusammenfassung am Ende dieses Artikels teile ich daher zwei Links, über die man Stefan Arzberger unterstützen kann:

  1. Spendenaufruf im Internet

  2. Support for Arzberger